SUSANNE aus Landau, 32, Erzieherin. Alleinerziehend, einen Sohn, 11 Jahre alt. Hat eine 3/4 Stelle.
Wie hast du erfahren, dass du schwanger bist?
Ich hatte eine Zyste, und deswegen oft Periodenausfall. Deswegen habe ich mir die ersten zweieinhalb Monate, als ich keine Periode hatte, auch überhaupt keine Gedanken gemacht. Dann war Sylvester, und mir war kotzschlecht. Ein, zwei Wochen später war mir immer noch schlecht, und dann habe ich einen Test aus der Apotheke gemacht, und da war ich dann schon im dritten Monat schwanger. Da habe ich erstmal geheult. Als mein Freund abends nach Hause kam, habe ich ihm erzählt, dass ich schwanger bin. Er sagte: „Und was ist, heiraten wir?“ Den Satz vergesse ich nie. Ich habe Nein gesagt.
Du warst 20 Jahre alt und mitten in der Ausbildung. War für dich klar, dass du das Kind bekommst?
In der ersten Woche habe ich viel nachgedacht, bin zum Arzt gegangen, und dann hatte ich akzeptiert, dass ich schwanger bin. An Abtreibung habe ich nie ernsthaft gedacht, weil für mich klar war, dass ich selbst schuld war. Das war schon Grund genug, nicht abzutreiben. Und außerdem wusste ich, dass ich super Freunde und eine super Familie habe und ich das schaffe. Ich wusste damals aber auch schon, dass ich mit meinem Freund nicht mehr lange zusammen sein werde.
Hat dir das Angst gemacht: Zu wissen, dass du alleinerziehend sein wirst?
Nein, die Beziehung war nur noch eine pure Abhängigkeit. Das Kind war immer meine Sache. Er hat nicht gewusst, was es bedeutet, ein Kind zu haben.
Wie hat dein Umfeld reagiert?
Meine Mutter und ihr Freund haben sich wahnsinnig gefreut; Sekt aus dem Keller geholt und sind zwei Meter in die Luft gehüpft. Ich konnte das nicht glauben: Ich war ja mitten in der Ausbilung, gerade mal 20 Jahre alt. Meine Freunde haben es zuerst nicht geglaubt, die dachten, ich mache Witze. Denn ich habe früher immer am meisten geschrien, dass jeder, der heutzutage ungewollt schwanger wird, selbst schuld ist. Als sie es dann geglaubt haben, haben sich alle gefreut.
Wie war die Schwangerschaft?
Sehr anstrengend, sehr stressig. Wie gesagt, die Beziehung war am Ende, und ich war auf mich alleine gestellt. Meine Mutter und ihr Freund haben mich super unterstützt, auch meine Freunde waren da, aber der Vater des Kindes hatte oft Wutanfälle, er ist sehr jähzornig und ich auch, da waren teilweise schlimme Sachen los, Gegenstände sind durch die Luft geflogen und so. Ich habe viel zugenommen in der Schwangerschaft. Im sechsten Monat hatte ich dann einen braunen Fleck am Bauch und ein bißchen Schmerzen. Das wurde dann untersucht mit einem speziellen Ultraschallgerät. Und dabei wurde festgestellt, dass mein Kind zwei Löcher im Herz hat. Ein Loch ist normal, das hat jedes Kind, das wächst dann nach der Geburt zu. Es war dann das Risiko, dass es ein Gendefekt ist, und zwar Hinweis auf Down Syndrom. Das war sehr aufregend. Dann habe ich eine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen, um zu wissen, was auf mich zukommt. Bei einer Fruchtwasseruntersuchung ist ja auch das Risiko einer Fehlgeburt ziemlich hoch, und dann das Warten auf das Ergebnis… Das war schon schlimm. Aber dann war alles in Ordnung, das Loch ist zugewachsen.
Wie war die Geburt?
Ich hatte vorher einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht; da war ich eine Outsiderin. Erstens war ich immer ohne Partner dort und zweitens waren das alles Frauen, die schon mehrere Kinder hatten, oder ganz glückliche Ehepaare. Und ich saß mit meinen Dreadlocks da mittendrin. In dem Kurs wurde uns erklärt, wie die Geburt abläuft, und ich hatte da was falsch verstanden: Nämlich, dass man erst dann ins Krankenhaus gehen soll, wenn die Fruchtblase geplatzt ist.
Irgendwann kamen die Wehen, und ich bin erstmal noch zu meinen Freunden gefahren, um ihnen zu sagen, dass es heute noch kommt. Also ich war total entspannt. Dann kamen die Wehen schon in Fünf-Minuten Abständen. Ich bin wieder nach Hause, habe mich auf die Couch gelegt, und dann ging es richtig zur Sache mit den Wehen. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass die Fruchtblase platzt. Irgendwann hat dann mein Freund gesagt, dass er mich jetzt sofort ins Krankenhaus fährt. Als ich dort reinkam, musste ich sofort in den Kreißsaal, dann dauerte es nur eineinhalb Stunden, und Tobias war da. Die Geburt war also wirklich unkompliziert. Schlimm war, dass Tobias, direkt als er auf die Welt kam, mir weggenommen wurde, raus zum Kinderarzt, wegen dem Loch im Herz. Dann war Tobias weg, und der Arzt hat mir den Dammschnitt zugenäht. Das war, glaube ich, der einsamste Moment in meinem Leben. Und dann durfte ich den Tobias sehen. Das war erstmal fremd, aber auch ein super Gefühl. Der Wurm auf dem Arm, das kannst du nicht in Worte fassen, da vergisst man den ganzen Geburtsschmerz.
Hast du gestillt?
Ja, aber zwischen dem ersten und dem zweiten Monat hatte ich einen Milchstau. Das ist lebensgefährlich; da kann der ganze Körper vergiften. Ich hatte schlimme Schmerzen, über 40 Grad Fieber. Ich musste ins Krankenhaus, habe Medikamente bekommen und wurde stark abgebunden. Das Schlimme in psychischer Hinsicht war, dass die enge Verbindung, die man durch das Stillen zum Kind hat, von heute auf morgen abgeschnitten wurde. Ich hätte gerne weitergestillt. Klar, es ist eine ganz neue Freiheit, wenn man nicht mehr stillt, dann ist man ja viel flexibler, Fläschen kann jeder deinem Kind geben. Aber von heute auf morgen damit aufhören, das war schlimm. Normalerweise stillt man sanft ab, macht mit Zukost, und das ging alles nicht. Das ist auch fürs Kind höchsttraumatisch, weil die Nähe fehlt.
Wie war die Situation mit deinem damaligen Freund, als euer Kind auf der Welt war?
Es hat sich immer mehr zugespitzt. Er hat gar nicht mehr mit mir gesprochen. Dann habe ich ihn überredet, eine Paartherapie zu machen, aber der Therapeut hat nur gesagt, wir würden beide nicht von unseren Standpunkten abweichen und hat uns für geschiedene Leute erklärt. Und damit war die Paartherapie auch erledigt. Wir haben uns getrennt. Am Anfang habe ich meinen Exfreund mehrmals täglich angerufen und ihm von Tobias erzählt, „Heute hat er das erste Mal gelacht“ und „Schau dir doch mal dein Kind an“. Ich habe ihm den Tobias richtig hinterhergetragen, aber er wollte davon nichts wissen.
Ich habe dann wieder bei meiner Mutter und ihrem Freund gewohnt. Gut daran war, dass ich viel Entlastung hatte und nicht mehr so auf mich alleine gestellt war. Mein Bruder hat sich viel um Tobias gekümmert, und ich konnte oft weggehen. Blöd war aber, dass meine Eltern nur ein sehr kleines Haus haben und ich dann im Wohnzimmer mit Tobias hausen musste. Ich habe da drei oder vier Monate gewohnt und habe dann mit Freunden eine WG gegründet.
Hast du abends was unternehmen können?
Ich hatte den Tobias fast immer dabei, wenn ich weggegangen bin. Ich bin meistens zu Freunden in WGs gegangen. Nur wenn ich mal auf einem Konzert war, habe ich ihn nicht mitgenommen, und dann hat mein Bruder oder meine Eltern aufgepasst.
In den WGs habe ich ihn schlafen gelegt, und das hat sich bis heute bewährt, da ist Tobias ganz flexibel.
Wie war deine berufliche Situation damals?
Ich war im Teilzeitunterricht in der Erzieherausbildung auf einer Erzieherschule. Drei Tage die Woche hatte ich also Unterricht und den Rest der Woche habe ich gejobbt. Der Zeitpunkt der Schwangerschaft war so, dass ich im vorletzten Jahr meiner Ausbildung schwanger war. Tobias kam im August auf die Welt, da waren gerade Ferien, und im Mai waren die schulischen Abschlussprüfungen. Er kam also mittenrein. Ich war vier Wochen im Mutterschutz und habe dann ganz normal weitergearbeitet. Tobias war bei einer Tagesmutter. Das war schlimm für mich, mein Kind, dass noch ein Baby ist, abzugeben. Tobias fielen die Trennungen leichter als mir. Später, als er schon ein bißchen älter war, hat er mehr geweint. Aber mir war ganz wichtig, dass ich eine Ausbildung habe, weil als Mutter und ohne Ausbildung, da bist du echt verloren.
Wie ging es dann weiter, als du mit deiner Ausbildung fertig warst?
Nach der Ausbildung war ich ein Jahr mit Tobias zu Hause. Ich wollte mit ihm unbedingt ein Jahr haben, und das war super, dass ich das gemacht habe. In der Zeit habe ich ein bißchen als Tagesmutter gearbeitet. Dann kam Tobias mit drei Jahren in den Kindergarten und ich bin wieder halbtags arbeiten gegangen; später habe ich eine dreiviertel Stelle bekommen. Tobias war bis 17 Uhr im Kindergarten. Wenn wir Teamsitzung hatten, das war einmal die Woche abends, hat meine Mutter ihn geholt. Grundsätzlich gehe ich gerne arbeiten, weil ich die Kinder total gerne mag, aber die Bedingungen sind schon schlecht. Man verpulvert viel Energie und Zuneigung in andere, fremde Kinder, und dann ist es schon schwierig, für das eigene Kind abends noch genug Energie zu haben. Meistens arbeite ich bis um zwei Uhr, und um fünf hole ich Tobias ab. In der Zeit erledige ich alles mögliche, einkaufen, putzen und so weiter. Und wenn Tobias dann kommt, isst er meistens erstmal was. Wir erzählen dann ein bißchen, essen zu Abend, ich lese was vor und dann geht’s ins Bett, so zwischen sieben und acht. Ich bin dann abends oft platt.
Was ist das Besondere daran, so früh ein Kind zu bekommen?
Ich war sehr unsicher und habe mich bevormunden lassen. Das ist heute anders.
Sind für dich Familie und Beruf miteinander vereinbar?
So wie ich im Moment lebe, ist es für mich vereinbar. Ich kann aber nicht Karriere machen und ein Kind haben. Da muss man schon bereit sein, beruflich Abstriche zu machen. Ich bekomme ja viel mit im Kindergarten, wie sie am liebsten dann ab 2013 das Kind schon ab dem ersten Jahr in den Kindergarten stecken würden, und das finde ich ganz schrecklich. Ich finde, man muss sich entscheiden. Zumindest die erste Zeit muss die Mutter eben Abstriche machen, was die Karriere angeht.
Warum findest du es nicht gut, wenn ein Kind ab dem ersten Lebensjahr im Kindergarten ist?
Weil da die Grundlagen nicht gegeben sind. Ich kann als Erzieherin dem Kind die Wärme und Liebe nicht geben, die ihm eine Mutter geben kann, weil die Bedingungen nicht da sind. Ich muss in meinem Job zusammen mit einer anderen Ezieherin 19 Kinder betreuen, die im Alter von zwei bis dreieinhalb Jahren sind. Da kann man keine Nestwärme geben und das Kind fördern.
Und wenn die Bedingungen der Kinderbetreuung anders wären?
Dann wäre ich trotzdem noch der Meinung, dass das Kind besser bei den Eltern aufgehoben wäre, ob bei Mutter oder Vater oder beiden. Grundsätzlich finde ich, ist es egal, ob Vater oder Mutter zu Hause sind. Rein emotional ist es schon so, dass wenn ein Kind krank ist, das Kind lieber die Mama braucht, gerade am Anfang. Ich denke aber nicht, dass ein Kind einen Schaden nimmt, wenn nur der Papa da ist, also nur in Anführungsstrichen. Die ersten drei Jahre sind wichtig und prägend und man hat doch eigentlich auch das Interesse daran, die Zeit zusammen mit seinem Kind zu erleben. Ich kann auch verstehen, wenn jemand sagt: „Ich kann mich unmöglich drei Jahre lang nur um das Kind und den Haushalt kümmern, dann kann ich keine gute Mutter sein.“ Aber nicht auf Kosten meines Kindes; nicht, dass ich es über einen längeren Zeitraum abgeben muss. Vor allem nicht, wenn die Bedingungen nicht stimmen, und da muss noch wahnsinnig viel passieren, auch bei der Ausbildung der Erzieherinnen.
Was hältst du vom Elterngeld?
Das Elterngeld wird ja danach berechnet, was man vorher verdient hat. Und wenn der Vater jetzt zum Beispiel ein Handwerker ist und die Mutter nicht arbeitet, dann ist für die das Elterngeld ein Witz. Im Vergleich dazu, wenn sowohl die Mutter als auch der Vater gut verdienen. Und insofern finde ich es eine ziemliche Verarsche.
