TINA aus Köln, 39, Erzieherin. Alleinerziehend. Einen Sohn, 13 Monate alt. Seit der Geburt in Elternzeit.
Du bist lesbisch. Wie bist du denn schwanger geworden?
Ich habe gemeinsam mit einem Mann aus dem Bekanntenkreis entschieden, dass wir Eltern werden wollen. Den Vater meines Sohns Mo kenne ich schon seit meiner Kindheit. Ich wünsche mir schon lange Kinder. Ich bin ein sehr kinderlieber Mensch, die sind so lebendig und ehrlich. Samenbank kam für mich nicht in Frage. Wenn, dann schon auf natürlichem Weg. In den letzten Jahren habe ich mich gedanklich damit beschäftigt, dass es auch sein kann, dass ich nicht Mutter werde in meinem Leben. Ich werde ja jetzt auch schon vierzig. Wenn es so gekommen wäre, dann wäre das auch okay gewesen. Ich wollte es nicht krampfhaft mit irgendwelchen Mitteln versuchen. Aber dann hat es ja doch noch auf natürlichem Weg geklappt.
Warum war dir diese Art der Befruchtung so wichtig?
Mir war es ganz wichtig, dass Mo Vater und Mutter hat. Ich finde, dass unser Ursprung, da wo wir unsere Wurzeln haben, zentral ist. Irgendwann wird immer die Frage nach dem Woher gestellt. Ich war dann in einer Single-Phase und hatte mit Mos Vater mehr Kontakt. Ich hatte Lust, ein Kind mit ihm zu bekommen. Das habe ich dann einfach angesprochen und er war einverstanden. Dann haben wir miteinander geschlafen und ich bin sehr schnell schwanger geworden. Alles an mir war wohl bereit dafür.
Wie war die Geburt deines Sohnes?
Ich habe den Mo zu Hause bekommen, zwei Hebammen und eine gute Freundin waren dabei. Krankenhäuser sind für mich sehr steril. Die Behandlung ist nicht sehr menschlich und nicht so dicht, wie mit einer Hebamme, die dich vorher schon begleitet hat. Mir war es wichtig, die Geburt in Räumen zu erleben, in denen ich mich wohlfühle. Es gab auch kritische Stimmen dazu: „Es ist doch viel zu unsicher, das Kind zu Hause zu kriegen.“ Für mich war es aber einfach stimmig, und bei der Geburt hat sich auch bestätigt, dass es eine gute Entscheidung war, Mo zu Hause zu bekommen.
Wie lief das genau ab?
Als es losging, hat mich die Hebamme erstmal untersucht. Meine Freundin war die ganze Zeit bei mir am Bett und die Hebamme im Nebenzimmer. Sie kam nur rein, wenn sie hörte, dass sich meine Atmung veränderte oder ich irgendwas gesagt habe. Eine irre Erfahrung waren die Wehenpausen, da war ich total relaxt, habe mit meiner Freundin geredet und Späßchen gemacht. Ich hatte vorher viel Angst vor den Schmerzen, und es war ein tolles Erlebnis, dass ich in den Wehenpausen eine innere Stimme hatte, die sagte „Du schaffst das“. Ich singe schon seit Kindesbeinen an und ich glaube, das bewusste Atmen hat mir durch die Wehen geholfen. Nachher, bei den Presswehen, habe ich ordentlich getönt und mitgebrüllt. So habe ich Mo dann in meinem kleinen Schlafzimmer, in der tiefen Hocke vor meinem Bett bekommen. Sobald der Ansatz des Köpfchens draußen war, hat die Hebamme mich aufgefordert, doch mal zu fühlen. Das war erstmal total befremdlich. Dann habe ich mich aber getraut, und irgendwann hat sie einen Spiegel geholt, und dann konnte ich nach jeder Presswehe sehen, wie der Kopf ein Stück weiter heraus kam. Das war eine Motivation, weiter zu machen. Es gab nur eine Situation bei den Presswehen wo ich dachte „Ah, ich kann nicht mehr“. Und alles andere war ein total starkes und positives Erlebnis. Mos Vater war zum Zeitpunkt der Geburt im Urlaub. Als Mo fünf Tage alt war, hat er ihn zum ersten Mal gesehen.
Wie waren die ersten Tage nach der Geburt?
Die ersten beiden Tage waren so mit die friedlichsten in meinem ganzen Leben. Das war Wahnsinn. Es war wunderbar, Mo im Leben willkommen zu heißen, und ich hatte einen ganz tiefen inneren Frieden. Diese Tagen waren irgendwie was ganz Heiliges. Bis dann das Geschrei losging.
Erzähl mal.
Mein Sohn war sehr anstrengend und hat kaum geschlafen. Zwischen Mos Vater und mir war es in den ersten Monaten schwierig, und deswegen war er in die Betreuung gar nicht involviert. Die ersten sieben Monate habe ich die ganze Betreuung alleine übernommen. Da hat mir eine Partnerin, der ich mich anvertrauen kann, bei der ich mal durchschnaufen kann und die auch mal nachts nach ihm gucken kann, gefehlt. Ich habe den Mo ja auch gestillt und konnte ihn nicht so lange abgeben. Mo kam teilweise nachts fast jede Stunde. Wieviel ich geschlafen habe, weiß ich nicht, aber es war sehr wenig und permanent unterbrochen. Und du hast dann auch irgendwann selber keinen ruhigen Schlaf mehr. Ich bin dann auch wach geworden, wenn er nicht wach war. Wenn er nachts wach wurde und geschrien hat, habe ich ihn lange gestillt, weil ich dachte, er hat Hunger. Daran hat er sich schnell gewöhnt. Irgendwann habe ich dann den Dreh bekommen, dass er nicht jedes Mal gestillt wird, weil es einfach kein Hungergeschrei war. Da habe ich mich dann natürlich mit Hebammen abgesprochen. Das interessante für mich war, dass ich für mich verstanden habe, dass Mo durch mich die Welt kennenlernt. Also so wie ich mich verhalte, glaubt er, dass die Welt ist. Und es gehört eine klare Entscheidung dazu, etwas anders zu machen. Und dann sind es zwar so Übergangsphasen von drei Tagen bis zu einer Woche, wo eine Veränderung da ist, die erstmal Protest oder Angst auslöst bei dem Baby. Aber dann geht das Kind auch mit. Es geht also immer um das, was du dem Kind anbietest. Und da musste ich mich selbst auch nochmal erziehen. Es ist einfach total wichtig, klar zu sein, auch bei einem so kleinen Wurm. Das fiel mir schwer, weil es eine komplett neue Situation ist, auf die dich auch keiner vorbereitet. Und davon hat mir auch keine Mutter erzählt.
Woran liegt es, dass darüber nicht offen geredet wird?
Das ist vielleicht auch sehr schambehaftet. Ich finde das schade, mir ist nämlich aufgefallen, dass die Hebammen am ehrlichsten zu mir waren. Sie haben von ihren Schwächen und Gereitzheiten, die sie ihrem eigenen Kind gegenüber haben, erzählt. Und das war hilfreich zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin, die am Rad dreht. Zu wissen, es gibt auch andere, und auch andere kompetente Frauen, die in eine Überforderung reinkommen. Weil man denkt ja erstmal, dass das überhaupt nicht sein darf, dass man das schaffen muss. Du bis fast vierzig, Erzieherin, das darf nicht sein. Und es ist eben auch so, dass dein eigenes Kind dich emotional an deine Grenzen bringt, weil du dich auch so verbunden fühlst. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich völlig fertig war und das nicht mehr alleine schaffe. Ich habe viel geweint, weil ich auch nicht mehr schlafen konnte und so ein schreiendes Kind ist einfach auch eine totale nervliche Belastung. Ich habe mich auch die ersten sieben Monate nicht mehr mit Freundinnen getroffen, da war ich out of order.
Was hast du dann gemacht?
Dann bin ich nach draußen gegangen und habe mir Hilfe geholt. Ich bin zu zwei Krabbelgruppen gegangen. Eine wird von einer sehr netten und fitten Hebamme geleitet. Über die habe ich weitergeguckt, wo ich mir Hilfe holen kann. Und dann habe ich mich durchtelefoniert und bin irgendwann beim Jugendamt gelandet. Von dort habe ich dann Familienpflegerinnen bekommen. Die sind mit Mo spazieren gegangen und haben mit ihm gespielt. So konnte ich mal schlafen oder in Ruhe einkaufen gehen. Das war total gut, weil ich an einem Punkt war, wo ich merkte, dass gar nichts mehr geht. Die Pflegerinnen waren am Anfang 20 Stunden die Woche da, nach Absprache, je nach dem wie ich es gebraucht habe. Die haben mir gesagt: „Sie sind der Chef. Sie entscheiden, wofür und zu welchen Zeiten wir kommen.“ Jetzt kommen sie noch 10 Stunden in der Woche.
Wie war das am Anfang mit den Familienpflegerinnen für dich?
Es kommen drei verschiedene Pflegekräfte. Die erste, die kam, war sehr forsch und nahm mir Mo beim ersten Mal direkt ab und sagte: „Ich geh mit dem mal spazieren, dann haben sie ihre Ruhe.“ Da musste ich schon erstmal schlucken. Aber ich habe auch nicht gesagt „Will ich jetzt nicht“, weil sie so forsch war. Und das hat sehr gut geklappt. Oft habe ich mich in ein anderes Zimmer der Wohnung verzogen, wenn ich gemerkt habe, dem Mo geht’s gut. Da konnte ich sehr gut und schnell loslassen. Ich habe mich häufig hingelegt und geschlafen. Wenn sie mal vier oder fünf Stunden am Stück da waren, bin ich in die Sauna gegangen.
Hattet ihr, du und der Vater, vor der Schwangerschaft besprochen, wie ihr euch den Alltag mit Kind aufteilt?
Nein, das hatten wir gar nicht besprochen. Das hat sich dann erst als Mo da war konkretisiert. Klar war aber, dass er eine aktive Vaterrolle haben sollte. Das habe ich immer wieder zum Ausdruck gebracht, aber er hat auch eine lange Zeit daran gezweifelt, dass ich ihm das ermögliche. Aber mittlerweile merkt er, dass ich dazu stehe. Zwar gabs am Anfang Probleme zwischen uns, mittlerweile haben wir uns aber sehr gut zusammengerauft, so dass es gut funktioniert. Er sieht Mo inzwischen an drei Tagen in der Woche für mindestens vier Stunden.
Wie habt ihr die Probleme zwischen euch gelöst?
Nach den Anfangsschwierigkeiten haben wir uns mit einer dritten Person zusammengesetzt, die uns geholfen hat. Wir haben feste Tage und feste Zeiten ausgemacht, zu denen er Mo sieht. Jeden Montag, Mittwoch und Samstag. So können wir uns beide darauf verlassen. Meistens geht er mit Mo zu seiner Mutter, um ihn nicht alleine zu betreuen. Da sucht er sich einen Sicherheitsanker.
Wie ist die Zeit für dich, die du gemeinsam mit Mo verbringst?
Die Zeit mit dem Mo zusammen genieße ich jetzt zu 80 %. Schön ist, je älter er wird und je mobiler und je mehr er Spaß an Sachen hat, umso mehr Spaß habe ich dann auch an ihm. Man spricht ja so vom Mutterinstinkt. Ich für meinen Teil würde sagen „Ich bin Mutter geworden.“ Ich musste auch zu meinem eigenem Sohn eine Beziehung entwickeln, die war nicht von Anfang an da. Unsere Beziehung entwickelt sich auch immer mehr, und das ist etwas sehr Schönes.
Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?
Morgens nach dem Frühstück spiele ich mit Mo und mache den Haushalt. Zweimal die Woche gehen wir vormittags in eine Gruppe. Dann gibt’s Mittagessen und Mittagsschlaf. Oft lege ich mich zumindest für eine halbe Stunde mit hin. Dann stehe ich auf, Mo schläft noch weiter und ich erledige Haushaltskram. Dann gehen wir jeden Tag lange spazieren. Zwei mal die Woche geht er ab 16 Uhr zu seinem Vater, aber er übernachtet dort nicht. Das wollen wir jetzt aber mal langsam einführen.
Wie geht’s bei dir beruflich weiter?
Ich gehe in einem Monat wieder für 20 Stunden die Woche arbeiten. Meine Arbeitszeiten werden täglich von 10:30 bis 14:30 Uhr sein. Dann werde ich Mo zwischen 9 und 10 Uhr in eine Betreuungseinrichtung bringen und ihn gegen drei, halb vier wieder abholen. Ich habe Mo dort relativ früh angemeldet und auch gesagt, dass ich alleinerziehend bin. Dann kam ich auf eine Warteliste und bin nachgerückt. Die Zusage für den Platz habe ich erst vor vier Wochen bekommen. Da war ich ziemlich lange in der Schwebe und hatte mir parallel Tagesmütter angeguckt. Wobei das jetzt so das beste Modell ist für mich. Die Tagesmütter waren zum Teil sehr unflexibel und wollten meist Freitags nicht arbeiten.
Gehst du aus rein finanziellen Gründen arbeiten oder freust du dich drauf?
Im Laufe dieses Jahres hat sich das verändert. Früher hätte ich immer gesagt „Wenn ich Kinder habe, bleibe ich auch zu Hause.“ Und ich dachte auch, dass ich so einen kleinen Wurm nicht abgeben kann. Aber ich wusste ja, dass ich arbeiten gehen muss, und dann habe ich mich über die Monate hinweg damit auseinandergesetzt. Und durch die Familienpflegerinnen habe ich gelernt, dass ich loslassen kann und Mo das auch gut annimmt. Anfang des Jahres war ich mit Mo für drei Wochen in Kur und da gab es auch eine Kinderbetreuung. Da habe ich dann Mo auch mal für ein paar Stunden abgegeben. Das war total positiv: Ich habe Mo angemerkt, dass er sich auf die Kinder in der Gruppe freut; der war richtig heiß drauf. Es waren also so einzelne Erlebnisse, mit denen eine Loslösung verbunden war. Jetzt freue ich mich aufs Arbeiten, weil ich meine Arbeit immer gerne gemacht habe.
Wie reagiert dein Umfeld darauf, dass du lesbisch bist und ein Kind hast?
Als ich schwanger war, gab es schon einige amüsante Begebenheiten, also so „Jungfräuliche Geburt, wie hast du das jetzt hingekriegt?“ Aber niemand, mit dem ich näher zu tun habe, hat abwertend reagiert. In der Krabbelgruppe gab es dann eine Mutter, mit der ich mich regelmäßig getroffen habe, und irgendwann kam es zu der Situation, wo ich es ihr gerne erzählen wollte. Sie lebt ganz anders, in einer Ehe, in einem Häuschen, beide Juristen, in ganz gesitteten Lebensumständen, also ganz anders als ich. Und da war es schön zu erfahren, dass es gar kein Problem war. Sie war ganz offen und wir treffen uns auch weiterhin regelmäßig. Manchmal denke ich dran, wie es später wird, wenn Mo älter wird, aber so viele Gedanken mache ich mir da nicht. Ich hoffe, dass ich irgendwann mal wieder in einer Beziehung lebe und Mo dann da auch ein stückweit mit reinwächst und damit lebt. Und wenn er fragen wird, sage ich ihm schlicht, dass ich eben Frauen liebe. Viel mehr Bohei würde ich gar nicht unbedingt machen, sondern einfach auf Fragen von Mo reagieren.
