ANTONIA aus Köln, 44, Agraringenieurin. Von Anfang an alleinerziehend. Eine Tocher, acht Jahre alt. Arbeitet Vollzeit.
Wie war deine Schwangerschaft?
Ich wurde ungeplant schwanger, aber das war kein Desaster. Ich lebte in Trennung von meinem damaligen Mann, hatte aber schon einen neuen Lebenspartner. Am Anfang war ich von meinem Lebensgefährten enttäuscht, denn der ist alles andere als in Euphorie ausgebrochen. Aber dann habe ich auch ganz schnell gesagt, dass ich dann eben die Verantwortung übernehme. Wir haben die Beziehung nicht beendet, aber die Beziehung war eher locker, wir haben zum Beispiel nicht zusammen gelebt.
Die Schwangerschaft war dann ganz easy. Von Anfang an habe ich aber überlegt, wie ich es organisieren kann, dass ich alleine weiter meinen Unterhalt verdienen kann. Ich bin recht früh zu meiner damaligen Chefin und habe sie gefragt, ob ich Telearbeit machen kann, und bei ihr bin ich auch auf offene Ohren gestoßen. Das musste dann aber noch der Abteilungsleiter und die Verwaltung absegnen, und das hat ziemlich lange gedauert. Als meine Tochter auf die Welt kam, war das immer noch nicht klar. Das hat mich schon ziemlich Nerven gekostet.
Wie hast du dich auf die Geburt vorbereitet?
Ich habe Literatur gelesen und einen Geburtsvorbereitungskurs mitgemacht. Damals hatte ich überlegt, ob ich wirklich den Geburtsvorbereitungskurs machen soll oder lieber für zwei Wochen nach Frankreich fahre, um dort einen Sprachkurs zu machen. Ich habe mich für den Geburtvorbereitungskurs entschieden, weil mir das von der Hebamme so ans Herz gelegt wurde. Darüber habe ich mich dann geärgert, ich fand den nicht so toll. Die Atmosphäre dort war mir zu intim. Rückenmassage mit dem Partner und so. Viel mitgenommen habe ich auch nicht, bis auf die Atemübungen. Für die Geburt habe ich mir eine feste Hebamme geholt, die bei der Geburt dabei ist, egal wie lange sie dauert. Meine Tochter wollte zum Geburtstermin noch nicht kommen, und es tat sich auch mit den wehenfördernden Mitteln nichts. Kurz vorm Kaiserschnitt kam sie dann aber doch, und das waren höllische Schmerzen.
Wie war die Zeit nach der Geburt?
Ich konnte gar nicht aufhören, das Kind anzuschauen, weil es auch einfach so fremd war. Man stellt sich ja alles mögliche vor, aber das Kind sieht dann anders aus. Es ist ja eigentlich ein fremder Mensch. Und ich kann auch nicht sagen, dass sofort alle Instinkte geweckt wurden, wie das ja überall steht. Das hat gedauert. Dann wurde nach drei Tagen bei ihr eine Gelbsucht festgestellt, und sie musste in eine Kinderklinik in ein Blaulichtbettchen. Da war ich dann schon zu Hause, aber jeden Tag im Krankenhaus. Nachts habe ich die Milchpumpe gesetzt, und das war natürlich alles andere als romantisch. Ich war auch in der ersten Zeit sehr unsicher, dass ich das hinkriege; da war ich in den ersten drei Wochen echt nervös. Die Hebamme kam noch immer und hat mir auch ein paar Tipps gegeben, und das fand ich auch ganz toll.
Wie war es, als deine Tochter aus dem Krankenhaus nach Hause kam?
Die ersten Tage zu Hause waren absolut chaotisch. Man kriegt nichts mehr geregelt. Man denkt ja, dass die am Anfang noch total viel schlafen. Aber wenn die schlafen, dann nutzt man die Zeit auch einfach dazu, wieder irgendwas aufzubereiten oder mal für mich selbst zu kochen. In den ersten Wochen habe ich mich fast nur von Broten ernährt; ich habe es einfach nicht auf die Reihe bekommen, was zu kochen. Und wenn ich dann was gekocht hatte und das Essen stand dampfend auf dem Tisch, dann hat das Kind gebrüllt. Nach sechs Wochen habe ich ein bißchen Panik bekommen: Hier siehts schlimm aus, du kriegst nichts mehr geregelt, und in zwei Wochen fängt deine Arbeit wieder an! Aber es ist komisch, als ich dann gearbeitet habe, hatte der Tag wieder Struktur, es gab feste Zeiten wo wir aufstehen und losfahren mussten. Das hat vorher gefehlt, und dann wurde es auch sofort besser.
Hast du gestillt?
Ja, ich habe sie sieben Monate voll gestillt und dann immer weiter zugefüttert. Ich habe viel übers Stillen gelesen, dass die Kinder einen besseren Schutz haben, wenn sie gestillt werden. Und im Nachhinein würde ich sagen: Ich war durch die ganze Literatur total eingepeitscht auf das Stillen. Ich denke, das würde ich heute lockerer sehen.
Wie war deine Arbeitssituation?
Ich habe Telearbeit gemacht, aber ein Fünftel der Zeit musste ich vor Ort im Büro sein. Diese Zeit habe ich mir dann auf zwei Tage verteilt. Dann war sie bei der Tagesmutter. Den Rest der Woche war ich zu Hause und meine Tochter bei mir, auch wenn ich arbeiten musste. Das rührte auch ein bißchen daher, dass ich mir von allen Seiten anhören musste „Was, du gehst schon so früh wieder arbeiten? Du verpasst was und siehst dein Kind gar nicht richtig aufwachsen.“
An den Tagen, an denen ich zu Hause war, konnte ich nur arbeiten, wenn sie tagsüber schlief oder eben in den Abendstunden, denn sie hat immer viel Aufmerksamkeit gebraucht und sich nicht so selbst beschäftigt. Und weil sie tagsüber keine gute Schläferin war, konnte ich richtig intensiv nur abends arbeiten. Tagsüber gings vor allem darum, dass ich erreichbar war. Die Zeit hat aber nicht ausgereicht, um die Arbeitsstunden voll zu kriegen. Deswegen habe ich auch immer Samstags und Sonntags gearbeitet. Ich hatte also gar kein Wochenende. An den zwei Tagen, an denen ich im Büro war, habe ich richtig gemerkt, wie anstrengend Kindererziehung ist, gerade bei einem Kleinkind. Also die Männer, die arbeiten gehen, suchen sich den einfachen Part raus. An den beiden Tagen habe ich es total schätzen gelernt, ins Büro zu fahren und mich mit Dingen zu beschäftigen, die mich schon immer interessiert haben und in denen ich firm bin. Das ist wirklich Erholungszeit, selbst wenn man da arbeitet.
Wie hat denn dein Umfeld darauf reagiert, dass du nach dem Mutterschutz Vollzeit gearbeitet hast?
Mein Umfeld hat subtil negativ reagiert. Die waren ziemlich befremdet. Es schwang so unterschwellig mit „Wird das gut gehen? Das arme Kind.“ Es war kaum jemand da, der das selbst gemacht hat. Aber da ich alleinerziehend bin, hieß es dann auch „Naja, du musst ja.“ Und als es dann funktioniert hat, ist es auch abgeebbt.
Im Betrieb gabs am Anfang schon die Befürchtung, ob das mit der Telearbeit klappt, so nach dem Motto „Die ist dann zu Hause, ob die da überhaupt arbeitet?“ Aber das hatte sich ziemlich schnell erledigt, weil die Kollegen gemerkt haben, dass ich meine Arbeit mache und an ihnen nichts hängenbleibt.
Wie bist du mit dem Stress umgegangen?
Zwischen dem neunten und dem zwölftem Monat war es superstressig für mich, da fühlte ich mich dann nicht mehr wohl. Ich habe mich dann dazu entschieden, sie ab einem Jahr drei Tage in der Woche zu einer Tagesmutter zu bringen. So konnte ich an zwei Tagen im Büro und an einem zusätzlichen Tag zu Hause was wegschaffen. Dann musste ich nicht mehr alles am Abend schaffen. Das war schon eine Erleichterung, aber es gab nach wie vor kein Wochenende für mich. Das gab es erst, als sie mit drei Jahren in den Kindergarten ging. Den hat sie von halb acht bis 17 Uhr besucht und ist da immer sehr gerne hingegangen. Das ist ein deutsch-französischer Kindergarten, und die haben viel von den französischen Gewohnheiten übernommen. Ich ging dreimal die Woche ins Büro, und das hat mir auch gut getan, weil ich wieder häufiger draußen war und mehr Kontakt zu den Kollegen hatte. An den anderen beiden Tagen habe ich weiter von zu Hause aus gearbeitet. Nachmittags haben wir gemeinsam was unternommen.
Inzwischen ist deine Tochter in der Schule. Wie läuft da die Betreuung?
Sie geht nach wie vor in den Hort, in den sie auch während ihrer Kindergartenzeit ging. Dort macht sie alle Hausaufgaben und abends ist dann kaum noch was zu tun. Wenn wir nach Hause kommen ist sie erstmal erledigt und hängt meistens erst mal ne halbe Stunde vorm Fernseher ab. Dann spielen wir was oder machen einen Spaziergang und gegen halb sieben koche ich Abendessen. Sie spielt Cello und übt dann nach dem Essen immer noch etwas; dann spielen oder lesen wir noch was. Meist gammeln wir an einem Tag am Wochenende nur rum, das macht sie sehr gerne, ich allerdings nicht. Einen Wochenendtag unternehmen wir auf jeden Fall was.
Hast du Unterstützung?
Ich hatte ja früher die Tagesmutter; die war flexibel und zuverlässig. Dann hatte ich eine Freundin, deren Tochter ein Tag älter ist, und wir haben uns oft besucht. Wir haben uns viel ausgetauscht über die Kinder: Was läuft gut, was läuft falsch? Wie würdest du das machen?
Meine Schwester habe ich oft angerufen, die wohnt woanders, aber die hat mir dann aus der Ferne Tipps gegeben. Von dem Vater hatte ich gar keine Unterstützung. Er kam am Anfang regelmäßig, um das Kind zu sehen, aber das wurde immer weniger. Die ersten Wochen nach der Geburt hatte ich jemand, der mich im Haushalt unterstützt hat, aber das war nicht so das Wahre. Sie hat teilweise ihren kleinen Sohn mitgebracht und irgendwie hatte ich dann nicht mehr so die Ruhe, um mich um mein Kind zu kümmern. Ich habe dann, als sie weg war, meine Ansprüche an den Haushalt runtergeschraubt.
Wann hattest du zum ersten Mal kinderfreie Zeit?
Das erste Mal, dass ich mir einen freien Abend genommen habe und ins Kino gegangen bin, da war meine Tochter schon fünf. Zwar hat sie manchmal bei meiner Freundin übernachtet, aber da ging es dann eher darum, dass ich auch mal wieder eine Dienstreise machen kann. Und mit den Übernachtungen tat ich mich auch schwer. Das hat zwar geklappt, aber ich habe ihr am nächsten Tag immer so eine Anspannung angemerkt. Sie hat sich gut benommen, aber das war auch eine große Leistung, eine Nacht ohne ihre Mutter und in ihrer gewohnten Umgebung zu verbringen. Das gab mir einen gewissen Stich, und deswegen wollte ich das nicht überstrapazieren. Inzwischen kommt auch manchmal ein Babysitter zu uns.
Wünschst du dir von der Politik mehr Unterstützung?
Mir war es sehr wichtig, dass ich meine kleine Familie immer selbst ohne jede Transferzahlung finanzieren konnte und wir auf eigenen Füßen stehen konnten. Deswegen habe ich auch diese ganze Strampelei gemacht. Die Gesellschaft will gutausgebildete Kinder haben, und dann muss sie eben auch etwas dafür tun, und nicht alles auf den Schultern der Einzelnen abladen. Es gibt ja gute Modelle, zum Beispiel in Schweden, und das könnte sich die Politik mal abschauen, statt mit halbgaren Mitteln hier herumzudoktern. Das ist ja alles nicht durchdacht, die Schulen werden ja auch alleine damit gelassen, wie sie das umsetzen. Dass sich der Ganztag nicht finanzieren lässt, ist für mich ein Scheinargument. Diese ganzen Diskusssionen kann ich auch nicht mehr hören, die werden in Deutschland so ideologisch und realitätsfern geführt.
