RUTH aus Köln, 45, promovierte Biologin. Verheiratet, zwei Kinder, 8 und 12 Jahre alt. Arbeitet Vollzeit.
Wie war eure Lebenssituation, als du schwanger wurdest?
Nach meiner Promotion hatte ich eine Stelle in Heidelberg. Dort habe ich ein Labor gegründet, das Mausmutanten herstellt. Nach einem Jahr dort wurde ich schwanger mit Leonard. Als er geboren wurde, hatte mein Mann ein tolles Jobangebot in Düsseldorf.
Ich blieb in Heidelberg, weil ich nur dort das Mauslabor hatte; das gabs damals noch nicht so in Deutschland. Wir hatten eineinhalb Jahre eine Wochenendehe.
Wie sah die Wochendehe im Alltag aus?
Am Wochenende fuhr ich immer von Heidelberg nach Köln, da hatten wir uns eine Wohnung gekauft. Die ersten drei Monate nach der Geburt habe ich nicht gearbeitet. Das war aber schrecklich, wenn man so alleine mit Kind ist, das ist wirklich total langeweilig, wenn man nicht gerade eine Freundin hat, die gerade auch ein Kind bekommen hat. Diese Monate hatte ich mir vollgepackt mit allen möglichen Sachen, weil ich ja endlich mal Zeit hatte. Aber das hat mich im Endeffekt nur total gestresst.
Nach den ersten drei Monaten habe ich halbtags gearbeitet: Mittwochs und donnerstags lange gearbeitet. Zu der Zeit war mein Vater gerade Rentner geworden, und ich habe ihn mit nach Heidelberg genommen. Wir waren also mittwochs und donnerstags in Heidelberg, ich habe gearbeitet und mein Vater hat Leonard betreut. Donnerstags abends sind wir dann wieder zurück nach Köln zu meinem Mann gefahren. Als Leonard sechs Monate alt war, kam er in meiner Heidelberger Arbeitsstelle in die werkseigene Kindergruppe. Ab dem Zeitpunkt habe ich wieder Vollzeit gearbeitet.
Hast du Leonard gestillt?
Ja, neun Monate lang. Das Stillen war mir wichtig, denn wir haben Neurodermitis in der Familie und ich hatte in vielen Büchern gelesen, dass langes Stillen dagegen hilft. Und das hat sich bei beiden Kindern bewahrheitet. Am Anfang fand ich das Stillen auch sehr schön, aber als die Stillzeit vorbei war, war ich auch erleichtert, weil ich wieder mehr Freiheit hatte. Man bekommt auch eine sehr innige Beziehung zu seinem Kind. Gerade wenn man berufstätig ist und viele Betreuungszeiten abgibt, ist das auch für die Mutter die Möglichkeit, ganz klar zu wissen: „Ich bin die Nummer 1“. Und da hatte ich auch nie Zweifel dran.
Ich habe ja gearbeitet, aber dadurch, dass Leonard in einer werkseigenen Kindergruppe war, ging das problemlos: Die Erzieherinnen haben mich zum Stillen gerufen oder ich habe abgepumpte Milch gefüttert. Ich hatte eine mechanische Pumpe, das ging wunderbar. Manchmal fing es im Seminar oder im Vortrag unter meinem T-Shirt an zu Quietschen… Im Labor hatte ich ja auch Kühlschränke, da konnte ich die Milch kühlen und sie abends mitnehmen. Ich hatte eben das Glück, dass ich immer mein eigenes Büro und Labor hatte. In dieser Situation sind ja nicht alle Frauen.
War von Anfang an klar, dass Leonard bei dir in Heidelberg bleibt?
Ja, ich hatte in Heidelberg den Betreuungsplatz, deswegen war das klar. Allein zu sein war kein Problem, aber ich fand es sehr anstrengend, dass ich alle Entscheidungen alleine treffen musste. Auch so kleine Sachen, dass ich zum Beispiel ständig neue Klamotten für ihn besorgen musste, das war eine totale Rennerei. Als Sophie dann auf die Welt kam, war ich sehr froh, dass ich die ganzen Klamotten schon zusammen hatte.
Teilweise war die Situation schon sehr anstrengend. Wenn Leonard krank war, konnte er nicht in die Krippe gehen. Dann habe ich mich abends in den Zug nach Köln gesetzt und den Leonard meiner Mutter gebracht, die dann auf ihn aufgepasst hat. Und ich bin am nächsten morgen um halb sieben wieder in den Zug nach Heidelberg gestiegen. Das waren so Momente, wo ich dachte, dass ich mir jetzt doch eine Stelle in Köln suchen muss.
Hat sich die Beziehung zu deinem Mann nach der Geburt verändert?
Nach beiden Kinder gab es beziehungstechnisch erstmal ein Loch. Er hat Abstand genommen von mir, und ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass sozusagen der Busen besetzt war. Ich denke, er war auch ein bißchen eifersüchtig und konnte mit den Babys erstmal nicht so viel anfangen. Auch wenn mein Mann das bis heute nicht so zugeben will: Er fand das erstmal mysteriös und abstoßend. Nach einer Weile hat er sich dann wieder langsam an mich rangewagt. Als Sophie auf die Welt kam, hat er drei Wochen vorher seine Stelle wegen einem Konkurs verloren. Am Anfang habe ich nur zwei Stunden täglich gearbeitet; da hatte ich ja noch Zeit. Und da hätte ich mir schon gewünscht, dass mein Mann mal mit mir und dem Kinderwagen spazieren geht. Aber es ist nie dazu gekommen. Er musste immer hektisch mit seinen Bewerbungsunterlagen zur Post, das war alles immer viel wichtiger. Da fühlte ich mich auch sehr alleine. Dann hatte er eine neue Stelle in Darmstadt gefunden und am Anfang hat er dort auch immer übernachtet, aber nur vier Tage in der Woche gearbeitet. Das war für uns super. Aber die vier Tage, die er in Darmstadt war, da fühlte ich mich schon ziemlich alleine und wir merkten auch, dass der Leonard das männliche Vorbild braucht. Mein Mann fand es auch nicht so prickelnd, abends immer im Hotel zu sitzen und dort zu übernachten. Er hat dann von sich aus den Vorschlag gemacht, es mit dem Pendeln zu versuchen. Und seitdem geht es viel besser. Ich habe dann auch angefangen, etwas für mich zu machen. Einmal in der Woche gehe ich in den Chor und dienstags gehe ich zum Jazztanz. Ich bin dann zwar müde, versuche aber, das trotzdem zu machen, um zu regenerieren.
Und wie ging es nach den ersten eineinhalb Jahren weiter?
Ich habe dann in Köln eine Stelle angenommen. Dort wurde zu diesem Zeitpunkt ein Mäuselabor gegründet und ein neues Tierhaus gebaut. Mein Sohn kam erst in eine private Kindereinrichtung. Da war er, bis er drei Jahre alt war. Danach kam er in einen städtischen Kindergarten. Dann wollten wir unser zweites Kind bekommen. Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich schwanger wurde. Sophie war in den ersten vier Monaten mit mir im Büro und dann für ein halbes Jahr bei einer Tagesmutter. Dann hatte ich das Glück, einen Platz in einer Kindertagesstätte zu bekommen. Und da war Sophie, bis sie in die Schule kam. Jetzt ist sie in der Grundschule, in einer offenen Ganztagsbetreuung, bis fünf Uhr. Diese Einrichtung wird von einem Elternverein getragen und ist sehr auf die Kinder bezogen. Damit bin ich sehr zufrieden.
Wie ist die Betreuung bei Leonard geregelt?
Leonard hatte in der Grundschule einen Hort. Jetzt ist er auf dem Gymnasium, da gibt es Mittagessen und eine Hausaufgabenbetreuung bis halb vier. Aber er hat jetzt drei blaue Briefe, und deswegen haben wir ihn dort abgemeldet. Er ist jetzt einmal die Woche mittags bei mir im Büro und macht da seine Hausaufgaben. Wir schauen, welche Hausaufgaben er auf hat und dann macht er die alleine. Wenn er nicht weiterkommt, unterbreche ich meine Arbeit und helfe ihm. Ich lege mir dann für diesen Nachmittag Arbeit zurecht, in die ich mich nicht mehrere Stunden am Stück konzentriert vertiefen muss. Einmal die Woche kümmert sich mein Mann mittags darum; an zwei anderen Mittagen hat er Nachhilfe.
Wie sieht denn ein typischer Tagesablauf aus?
Ich stehe jeden morgen um halb sechs auf, dusche, mache Frühstück und um halb sieben wecke ich die Kinder. Mein Mann ist dann schon weg. Er arbeitet ja in Darmstadt und fährt jeden Tag mit dem ICE hin. Er geht morgens um viertel nach sechs aus dem Haus. Leonard muss allerspätestens um halb acht weg und ich fahre kurz danach mit Sophie zur Schule und dann sause ich ins Büro. Ich versuche immer, Sophie bis halb fünf am Hort abzuholen. Dann sind wir gegen fünf in der Wohnung und Leonard ist schon da. Zwischen fünf und acht Uhr machen wir Hausaufgaben und alles, was so ansteht. Manchmal koche ich dann noch. Zwischen halb acht und acht kommt mein Mann, dann duscht er und steht so um halb neun zur Verfügung. So gegen neun gehen die Kinder ins Bett. Dann bin ich auch schlapp und gehe um neun Uhr ins Bett, also einen Abend zu zweit gibt es dann nicht mehr.
Wenn ich mal länger auf der Arbeit bleiben muss, rufe ich meine Eltern an und die holen die Kinder ab. Die sind allerdings schon 75 und 79 Jahre alt, also das hört auch langsam auf, dass das so klappt.
Für den Haushalt haben wir eine Hilfe. Die ist super. Fünf Stunden in der Woche ist sie da; macht Fußböden und Fenster und hängt die getrocknete Wäsche ab und bügelt die. Den Rest machen wir selbst sauber; die anderen Sachen möchte ich auch niemandem zumuten.
Und am Wochenende?
Da sind oft andere Kinder zu Besuch. Manchmal gehen sie inzwischen auch alleine auf den Spielplatz. Tagsüber müssen wir einkaufen und manchmal verabrede ich mich abends, oder mein Mann und ich machen etwas. Als die Kinder klein waren, hatten wir eine Babysitterin, inzwischen sind sie alleine zu Hause, zumindest am Wochenende. Wenn unter der Woche abends mal was ist, dann kommen meine Eltern. Sonntag ist Familientag, da sind wir dann eingeladen oder haben etwas mit Freunden verabredet, wo man sich dann mit der ganzen Familie trifft oder wir machen gemeinsam einen Ausflug.
Was hältst du vom Elterngeld?
Das Elterngeld finde ich im Prinzip eine tolle Sache, aber ich finde es ungerecht, wenn es nur Frauen bekommen, die nicht arbeiten gehen. Also wenn man dafür belohnt wird, nicht arbeiten zu gehen. Wenn ich ein Jahr Pause gemacht hätte, könnte ich meine jetzige Stelle nicht mehr haben. In der Biologie gibt’s ja jeden Tag neue Entwicklungen. Das Elterngeld wird auch noch immer von viel zu wenigen Vätern in Anspruch genommen, wobei man da natürlich auch erstmal viele Jobs umstrukturieren müsste. Da müsste also von der Arbeitgeberseite was passieren. Mich ärgert auch, dass man den Mutterschutz machen muss. Da bekomme ich ja nicht mein Gehalt, sondern nur das Mutterschutzgeld. In dieser Zeit zahle ich also auch nicht in die Rentenversicherung ein. Es wird nur ein durchschnittlicher Beitrag eingezahlt. Weil ich aber mehr als der Durchschnitt verdiene, ist das für mich ein Nachteil, den ich auch nie ausgeglichen bekomme. Mein Mann hat diesen Nachteil in der Rente nicht.
