PEGGY aus Köln, 33, Dipl.-Sportwissenschaftlerin. Lebt in fester Beziehung mit dem Vater des Kindes zusammen. Ein Sohn, 5 Jahre alt. Arbeitet einige Stunden in der Woche freiberuflich.
Wie hast du von der Schwangerschaft erfahren?
Ich und mein Freund waren im Urlaub in der Türkei. Ich habe vorher extrem viel gearbeitet. Im Urlaub war ich fix und alle, was ich aber natürlich auf das viele Arbeiten geschoben habe. Kurios war aber, dass ich wahnsinnig viel Hunger hatte, sobald ich aber in den Essensraum kam, hatte ich schlagartig keinen Hunger mehr. Das roch alles so… also ich wollte da einfach nichts mehr essen. Na gut, da habe ich mir noch gedacht: „Du bist halt empfindlich was essen angeht, magst auch kein Knoblauch und in der Türkei wird viel mit Knoblauch gekocht, also liegts daran.“ Ein bißchen Sorgen habe ich mir schon gemacht, weil mir auch die Brust wehtat. Als wir dann nach Hause kamen, bin ich direkt zum Arzt. Er hat einen Ultraschall gemacht und gesagt: „Sehen sie mal, hier ist das Herz…“ Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet, ich dachte, ich wäre einfach überarbeitet.
Wie hast du darauf reagiert?
Ich fand das doof und bescheuert. Ich hatte andere Pläne für mich und mein Leben, als jetzt schwanger zu sein. Ich fühlte mich nicht zu jung, aber ich wollte gerne noch viel mehr erledigen, bevor ich ein Kind bekomme. Mir war klar, was das für eine Verantwortung ist und dass man die Zeit, die man jetzt für sich hat, dann nicht mehr hat. Und ich wollte auch im Medienbereich einen Job bekommen, ich habe Sportwissenschaft mit Schwerpunkt Medien studiert und war kurz vor meinem Abschluss. Ich wusste, dass es schwierig ist, da einen Job zu bekommen. Da muss man sehr kämpfen und es läuft meist über freie Mitarbeit. Und da war ich grade dabei: Ich habe viele Praktika gemacht, viel gearbeitet, mir was aufgebaut. Als ich dann von der Schwangerschaft erfahren habe, sah ich meine Welt zusammenkrachen: Das, was ich mir aufgebaut hatte, die Kontakte, die ich geknüpft hatte, und dann auch noch mein Studium, wie soll man das alles machen und wie finanziert man das? Das waren alles so Sachen, die mich nicht sonderlich glücklich gemacht haben. Da hatte ich auch Angst, was passiert.
Hast du an Abtreibung gedacht?
Nicht wirklich. Ich bin kein Gegner von Abtreibung. Ich denke, wenn man in einer aussichtslosen Situation ist, dann sollte man abtreiben, denn ich finde, dass das Leben der Mutter genauso viel wert ist, wie das eines Kindes. Von außen gesehen finde ich es eine Zumutung, wenn man Leuten sagt, dass Abtreibung nicht geht. Aber ich habe für mich gedacht: Ich bin alt genug, ich bin in einer festen Beziehung, die Probleme, die ich habe, die sind machbar. Es verschieben sich jetzt einfach Prioritäten. Aber das ist nichts Lebensnotwendiges, mit dem ich vor mir selbst entschuldigen könnte, dass ich dieses Kind abgetrieben habe.
Hast du dich irgendwann auch über die Schwangerschaft gefreut?
Ja klar. Vom Typ her bin ich jemand, der sich die Sachen erstmal realisitsch und pessimistisch ausmalt. Ich wusste, was auf mich zukommt, ich hatte da keine rosaroten Illussionsträumchen, wie schön das dann alles ist. Ich habe mal im Krankenhaus gearbeitet, auf der Babystation, da habe ich gesehen, wie anstrengend das ist.
Ich wollte aber auch immer Kinder haben, nur nicht zu dem Zeitpunkt. Und so habe ich mir das dann alles ausgemalt: Dass ich keine Zeit mehr für mich haben werde, dass das Kind heulen wird, dass die Wäsche ständig gewechselt werden muss, dass ich mit dem Kind ständig dämliche Spielchen spielen muss. Alles, wo man so denkt: Brauche ich jetzt irgendwie nicht. Aber dann ist es schon so, das Kind wächst in deinem Körper heran, das bewegt sich und du baust eine Bindung zu ihm auf, merkst: Hey, das ist ein Teil von dir. Und das ist, trotz alldem wie abgeklärt man ist, ein Wunder, was in einem passiert. Das fühlt sich besonders an, und wenn das Kind sich bewegt, ist es einfach schön. Da habe ich mich schon auf das Kind gefreut. Und es war spannend, sich zu fragen, wie das Kind wird.
Wie war die Schwangerschaft?
Ich habe mir gar nicht gefallen während der Schwangerschaft. Mein ganzes Körpergefühl hat sich geändert. Ich bin ja Sportlerin, von daher bin ich es gewöhnt, meinem Körper was abzuverlangen. Ich will eine Leistung bringen und trainiere daraufhin. Es geht ja auch darum, dass man willensstark ist, stärker als der Körper: Auch wenn ich mich kaputt fühle, schaffe ich es trotzdem noch, weiterzulaufen. Das ist ja das Prinzip des Sportlers. So, und jetzt bist du in der Situation, dass du das nicht kannst. Ich fahre gerne Fahrrad, viel und schnell, und in der Schwangerschaft bin ich zehn Minuten Fahrrad gefahren und war dann total kaputt. Das war schon eine Umstelltung. Statt nach vorne zu preschen und zu sagen: Ich muss schneller werden, muss man dann einsehen: Nee, ich kann das nicht, ich muss langsamer werden. „Die Entdeckung der Langsamkeit“ habe ich das damals genannt. Man ist gewöhnt, dass man die Sachen in seinem Tempo erledigt, aber dieses Tempo ging nicht mehr. Das fand ich schlimm. Ich konnte es auch nicht mit mir vereinbaren, dass an meinem Körper plötzlich alles weich war, ich bin ein athletischer Typ, und plötzlich ist da alles weich, nee. Und man schiebt so ne Kugel vor sich her, sieht irgendwie seltsam aus.
Während meiner Schwangerschaft habe ich mich dann auch viel mit meiner eigenen Kindheit auseinandergesetzt. Ich habe meine Mutter gefragt „Warum hast du das so gemacht?“ Ich habe mich gefragt, was in meiner Kindheit gut war, und was mir gefehlt hat, und habe mir dann überlegt, wie ich es besser machen kann. Aber das war schon im großen und ganzen terra incognita, wo man da hingeht.
Hattest du ein Vorbild bezüglich des Mutter-Seins?
Ich fand es schwierig, wenn ich mich so umgeschaut habe, gute Muttervorbilder zu finden. Meine Mutter find ich vorbildlich für mich, davon mal abgesehen. Ich finde, was einem in dieser Gesellschaft vorgelebt wird, vor allem in Westdeutschland, ist so, dass man alles machen kann, auch mit 40 noch Single sein kann und Party machen, das ist vollkommen okay. Aber ab dem Zeitpunkt, wo du Eltern wirst, bist du gefälligst konservativ und gehst diesen Lebensweg und bist die Vater-Mutter-Kind-Eigenheim-Hund-Nummer. Und das wollte ich nicht. Und wenn ich andere Mütter kennengelernt habe, außerhalb der Studentenkrabbelgruppe, war das oft langweilig für mich. Die Leute waren schon so festgelegt, jetzt waren Kinder da und dann dreht sich alles nur noch um die Kinder. Die Mütter waren am besten total aufopferungsvoll, weil man das halt so macht, weil es so sein muss. Und das fand ich immer schlimm, so wollte ich nie sein.
Ich hatte auch das Gefühl, dass an mich diese Erwartungshaltung gestellt wird: Jetzt bist du Mutter, nun musst du alle deine anderen Sachen aufgeben. Ich will aber trotzdem noch arbeiten, mein Geld verdienen, Party machen, verreisen, die Welt sehen. Ich bin nur Mutter, ich bin nicht tot. Ich gebe mich nicht auf, das ist ein zusätzlicher Teil meines Lebens, da muss ich viel Energie reinstecken, aber ich bekomme auch viel raus. Und das will ich auch nicht missen.
Wo ist dir denn diese Erwartungshaltung von anderen begegnet?
Das geht schon beim Arbeiten los. Wenn ich sage: „Ich bin Mutter“, dann wird das sofort in eine Kiste gesteckt. Die allermeisten sehen das negativ und fragen mich: „Da müssen sie ja jetzt für ihr Kind da sein, wie wollen sie das denn mit dem arbeiten schaffen?“ Es wird immer ganz klar so gesehen, dass ich jetzt die Verantwortung trage, obwohl ja der Vater noch da ist; der ist ja ganz genauso in der Position. Aber ich glaube, wenn er sich irgendwo vorstellen würde, dann würde er nicht gefragt werden: „Wie schaffen sie das denn mit dem Kind?“ Und bei mir ist klar, dass ich mich drum kümmern muss. Einmal hatte ich auch ein positives Erlebnis. Da hatte ein Arbeitgeber, bei dem ich mich vorgestellt hatte, gesagt: „Wow, da haben sie aber eine Menge geschafft. Sie haben studiert, ein Kind großgezogen und sind auch noch arbeiten gegangen, da haben sie aber Power.“
Wenn ich mich mit anderen Müttern getroffen habe, die teilweise auch nicht viel älter waren als ich, habe ich gemerkt, dass es jetzt um andere Sachen ging. Kinder sind in dem Fall auch Prestigeobjekte: Was tragen die, wo gehen die hin? Wenn man früher in Wohnungen gegangen ist und seine Kumpels besucht hat, war es egal, wie es da ausgesehen hat. Und jetzt, wenn jemand kommt, wird das gute Porzellan rausgestellt, es wird dekoriert und so. Und das wurde auch so ein bißchen an mich rangetragen. Aber das will ich nicht, ich will nicht irgendeine Dekonummer machen, nur weil ich jetzt eine Mutter bin.
Bei einer Freundin von mir war das zum Beispiel krass. Die ist total pfiffig, Doktor der Psychologie, jemand, mit der man sich richtig gut unterhalten kann und die eine ganze Menge drauf hat, ne superstarke Frau. Und sie hat dann irgendwann ihr erstes Kind bekommen. Ich hatte mich gefreut und dachte: Ist ja super, jetzt können wir viel gemeinsam mit den Kindern machen. Das ging aber nicht. Sie klinkte sich auf einmal vollkommen darin ein, wie eine Mutter zu sein hat. Es ging nur noch um das Kind und sie selber hat sich aufgegeben. Alles war so schwierig, sie wohnte mit dem Fahrrad nur 10 Minuten entfernt von mir, aber es war eine Weltreise, wenn sie zu mir kam. Das musste Wochen vorher geplant werden, es musste ja eingearbeitet werden in den Tagesablauf des Kindes. Und man konnte sich auch nicht mehr normal mit ihr unterhalten, es ging nur noch ums Kind. Das fand ich traurig, weil ich genau weiß, was sie draufhat. Man muss sich nicht aufopfern, damit das Kind ein guter Mensch wird. Ich glaube sogar, dass das Quatsch ist. Bei einer Familie muss man auf jeden Rücksicht nehmen. Und wenn sich einer total für die anderen aufopfert, dann kann das nicht gut sein. Ich habe dann eben versucht, mir einen Freundeskreis mit coolen Müttern aufzubauen, die solche Erwartungen nicht an mich stellen.
Wie hast du dich auf die Geburt vorbereitet?
Mir war klar, dass ich meinen Sohn im Krankenhaus zur Welt bringen will. Die Vorstellung einer Hausgeburt ist für mich abartig. Ich liebe mein Bett; das ist für mich eine Oase des Wohlbefindens. Und wenn ich mir dann vorstelle, ich liege schreiend und blutend in meinem Bett: Nee!
Ich habe in der Schwangerschaft viele Bücher gelesen; das fand ich spannend, wie ein Kind entsteht und was Woche für Woche wächst. Ich war dann auch in einem Geburtsvorbereitungskurs, da bin ich aber nur die Hälfte der Zeit hingegangen. Die Hebamme, die den Kurs geleitet hat, hat mit uns geredet, als wären wir total doof. Sie hat zum Beispiel mit uns Traumreisen gemacht, und das war der Obergau: „Wir sind im Zauberwald und stellen uns vor, da kommt eine rosa Kuschelraupe und krault unseren Rücken hoch und runter.“ Ich habe mich da überhaupt nicht ernst genommen gefühlt. Ich bin nur schwanger, nicht geistig gehandicapt.
Du hast ja noch studiert, als du schwanger wurdest. Wie ging es mit deinem Studium weiter?
Als ich schwanger war, hätte ich nur noch meine Diplomarbeit schreiben müssen, dann wäre ich mit dem Studium fertig gewesen. Die hätte ich locker in meiner Schwangerschaft schreiben können. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil ich dachte: Was bin ich denn dann, wenn ich das Diplom habe? Dann kann ich ja nicht arbeiten gehen, weil ich das Baby habe. Ich habe dann alle Stellen hier abgeklappert und mich informiert, welche Art von Betreuung es gibt. Damals haben in Köln nur 2 % der Kinder unter drei Jahren einen Kindergartenplatz bekommen. Das sind zwei von hundert, und da werden die bevorzugt, die alleinerziehend sind und voll arbeiten gehen. Es war also klar, dass ich keinen Platz unter drei Jahren bekomme. Ich wusste aber, dass es in der Sporthochschule eine Kinderbetreuung gibt für Kinder von ein bis drei Jahren. Und dann habe ich gesagt: Das ist die einzige Möglichkeit für mich, arbeiten zu gehen, bevor das Kind drei Jahre alt ist. Und deswegen habe ich die Diplomarbeit nicht geschrieben und war weiter als Studentin eingeschrieben. In der Schwangerschaft habe ich dann versucht, meine Kontakte in der Medienbranche weiter zu verfestigen, um später da arbeiten zu können und habe mit Studentenjobs Geld verdient. Als Meo dann da war, konnte ich sowieso nicht arbeiten. Die Diplomarbeit habe ich geschrieben, als Meo drei wurde, bevor er in den Kindergarten kam. Das Schreiben der Diplomarbeit hat mir richtig viel Spaß gemacht, weil man ja auch so ein bißchen seicht im Hirn wird, wenn man sich die ganze Zeit nur mit Kinderzeugs beschäftigt. Mir wars auch wichtig, immer noch mit anderen Leuten, die keine Kinder haben, zu tun zu haben. Mit den Müttern habe ich über den Kinderkram geredet, über all die Sachen, die ja auch wichtig sind. Wenn zum Beispiel die Kinder Koliken haben, dann entscheidet das ja über Schlafen oder Nicht-Schlafen, und da tauscht man sich schon aus. Mit solchen Themen würde ich jetzt aber nicht zu jemandem gehen, der keine Kinder hat. Das ist im Grunde wie ein neues Hobby: Wenn einer nur von seinem neuen Motorrad erzählt, dann interessieren mich nicht die Einzelheiten, und so finde ich, ist das auch mit den Kindern. Und es war mir auch wichtig, mich mit Nicht-Müttern zu treffen und über ganz andere Sachen zu reden, damit du einfach fit im Kopf bleibst.
Wie war die erste Zeit nach der Geburt?
Also das witzige ist ja: Dadurch, dass ich mir vorher alles so negativ ausgemalt habe, bin ich nicht in eine Schwangerschaftsdepression gefallen. Viele Leute hatten das befürchtet, weil ich da so sehr vom Denken her drangegangen bin, an die Schwangerschaft. Da haben viele gedacht: Hoffentlich baut sie auch eine Gefühlsbasis auf zu dem Kind und ist nicht zu kalt. Das war gar nicht so. Ich habe den Meo gesehen, und es war klar: Das ist mein Sohn, ich liebe den. Das war ein Gefühlsüberschwang, den ich nicht erwartet hätte, das hat mich umgehauen. Für mich war klar ab dem Moment: Das ist jetzt mein Kind, wenn dem jemand was tut, dann werde ich zur Muttersau. Die erste Zeit war sehr anstrengend. Meo hat die ersten drei Monate nicht geschlafen und ich dementsprechend auch nicht. Er hatte Koliken und all den Blödsinn, den Kinder halt haben. Aber wie gesagt: Ich hatte es mir vorher ausgemalt, dass es so sein kann, und so war es dann auch. Es hat mich nicht überrascht. Ich war müde und fertig mit der Welt und das hat mich an meine Belastungsgrenzen getrieben, wie nie irgendetwas zuvor, das war einfach Hardcore und kein Mensch sollte sich denken, dass wäre alles easy. Wenn du ohne Kind bist, Student bist, dann hast du ein gewisses Partyleben, hast Freiheiten. Das hast du dann nicht mehr. Dann bist du verantwortlich und hast ein Kind, das muss halt zu bestimmten Zeiten schlafen und essen und braucht eine Rundumbetreuung. Am Anfang konnte ich noch nicht mal duschen gehen, weil das Kind geschrien hat und ich alleine mit ihm war. Das war hart. Da war dann meine Energie so eingesetzt, dass ich auf der einen Seite noch arbeiten gehen konnte und auf der anderen Seite noch einen Freundeskreis aufrechterhalten konnte, der keine Kinder hat. Ich habe Meo überall mit hingeschleppt, bin mit ihm auf Partys gegangen oder habe Freunde in anderen Städten besucht und Meo einfach mitgenommen. Das war für mich gut, weil ich meine Freiheit noch hatte und Meo trotzdem bei mir war, das war mir wichtig.
Hast du Meo gestillt?
Ja, ein halbes Jahr lang, dann hats auch gereicht. Für mich war das eine schöne Erfahrung und ich fands auch praktisch: Dadurch, dass ich viel mit ihm unterwegs war, musste ich nie was zu essen mitschleppen; war ja alles dabei. Aber diese Nähe hat mich auch irgendwann erdrückt, du musst halt permanent verfügbar sein. Als er nicht mehr gestillt wurde, konnte dann mein Freund auch nachts aufstehen und Meo füttern.
Hast du Meo am Anfang alleine betreut?
Als ich schwanger wurde hat mein Freund, genau wie ich, Sportwissenschaften studiert. Dann haben wir überlegt: Was machen wir jetzt? Ich wollte ja im Medienbereich arbeiten, und da ist die Wahrscheinlichkeit, einen festen Job zu bekommen, relativ gering. Wir haben dann gesagt, dass zumindest er sich einen sicheren, festen Job sucht. Er hat dann ein Lehramtsstudium drangehangen. Als ich schwanger war, hat er seine Diplomarbeit in Sportwissenschaft geschrieben. Dann hat er, als Meo noch ganz klein war, sein zweites Studium und sein Referendariat gemacht, und jetzt hat er seit einigen Monaten eine feste Stelle. Das war eine harte Zeit für uns beide: Er zieht ein zweites Studium im Zeitraffer durch, macht ein Referendariat, was schon Leute, die ohne Kinder und viel jünger sind, an den Rand des Wahnsinns treibt, und dann hast du noch ein Kind zu Hause. Aber das hieß auch für mich: Ich habe nicht sehr viel Unterstützung bekommen. Mein Freund hat studiert, ich war alleine mit Meo zu Hause.
Gab es andere Leute, die dich mal entlasten konnten?
Meine Familie wohnt leider nicht in Köln und die meines Freundes auch nicht. Meine Mutter kam, wenn sie konnte, aber sie arbeitet eben auch noch. Manchmal, als ich schon abgestillt hatte und den Budenkoller bekommen habe, war Meo mal eine halbe Woche bei meiner Mutter und ich war in der Zeit unterwegs, das brauchte ich dann auch. Ich hatte im ersten halben Jahr nur gegeben, und brauchte dann auch was, um meine persönlichen Reserven aufzubauen. Von vielen meiner Freunde war ich damals enttäuscht. Da habe ich gemerkt, wer die Leute sind, die dir beistehen in schwierigen Situationen, und das waren nicht so viele. Von den anderen habe ich mich dann auch getrennt. Das Problem war, dass ich eigentlich niemanden kannte, der Kinder hatte. Das habe ich mir dann aufgebaut, zum Beispiel mit den Krabbelgruppenleuten.
Wie hat die Geburt die Beziehung zwischen deinem Freund und dir verändert?
Es wundert mich nicht, dass sich nach dem ersten Kind die meisten Paare trennen. Normalerweise ist es ja in einer Partnerschaft so, dass sich mein Partner um mich kümmert, wenn es mir schlecht geht. Und gleichzeitig ist man für den anderen da, wenn es ihm schlecht geht; man kümmert sich eben umeinander. Aber die Situation ist ja so: Die Mutter ist fix und fertig, hat keine Nacht geschlafen. Das Stillen schlaucht total. Dann hat man keinen Freiraum, muss sich immer ums Kind kümmern. Da wünscht man sich einfach nur, dass der Freund dir das Kind abnimmt, wenn er nach Hause kommt, damit man endlich mal in Ruhe duschen kann, mal schlafen oder in Ruhe irgendwo hingehen kann. Aber der Freund kommt auch geschlaucht nach Hause, hat ein neues Studium angefangen, arbeitet auch noch nebenher. Wenn er nach Hause kommt, will er auch einfach seine Ruhe haben. Aber dann kommt die schlechtgelaunte Freundin und hält ihm das schreiende Kind hin. Da ist also ein gewisses Konfliktpotential vorprogrammiert. Beide sind fix und alle und brauchen jemanden, der sich um sie kümmert, und dann stehen beide da mit ihren Ansprüchen, und irgendwie muss es trotzdem funktionieren, und das ist hart.
Wie seid ihr damit umgegangen?
Wir haben viel gestritten und diskutiert, uns wieder versöhnt und zusammengerauft. Wir haben immer versucht, uns gegenseitig Freiräume zu schaffen. Mein Freund steigt zum Beispiel gerne auf Berge, und dann habe ich ihm, obwohl da Meo erst ein paar Wochen alt war, gesagt, dass er das eine Woche lang machen kann und ich diese Woche alleine hinbekomme. Und genauso war für mich wichtig, dass ich einen Freundeskreis von mir in Berlin besuchen kann, und da hat mein Freund dann Meo übernommen. Die Freiräume waren uns immer wichtig. Es dreht sich nicht alles um das Kind, es dreht sich um alle drei. Und was für jeden wichtig ist, das muss beachtet werden. Und wenn mein Freund eben gerne auf Berge steigt und ich gerne Party mache, dann ist das etwas, was berücksichtigt werden muss. Es gibt uns ja auch Energie und Kraft, für die schlechten Zeiten, die zwischendurch kommen.
Wann wurde es einfacher?
Spätestens ab dem Zeitpunkt, wenn Männer was mit ihren Kindern machen können, also wenn es kein Säugling mehr ist. Das liegt, glaube ich, wirklich in der Natur der Sache: Dadurch, dass ich das Kind stille, habe ich ein ganz anderes Verhältnis dazu. Mit einem Säugling kann man ja nichts machen, so süß die auch sind. Klar, dass ich dann stolzer drauf bin, wenn er es jetzt schafft, sich mal umzudrehen oder so, weil ich ihn ja auch den ganzen Tag beobachte. Da konnte mein Freund noch nicht so viel mit anfangen; das wurde dann interessanter, als er anfing zu laufen und man mit ihm spielen konnte. Und einfacher wird es auch: Je selbstständiger Meo wird, umso mehr Freiraum haben wir. Deswegen wird es für uns auch immer schwieriger, zu sagen, dass wir jetzt ein zweites Kind wollen, denn dann geht der ganze Stress ja wieder von vorne los. Dabei möchte ich gerne ein zweites Kind. Ich denke, je jünger man ein Kind bekommt, umso besser ist es für die Kinder. Ich habe die Erfahrung gemacht: Je älter die Mütter sind, umso stressiger und anstrengender werden sie. Je älter man wird, umso mehr Erfahrungen macht man und weiß, was passieren kann, und je jünger man ist, umso weniger Gedanken macht man sich. Und ich glaube, dass das ganz gut ist. Viele ältere Mütter überbehüten ihre Kinder und fixieren sich auf sie. Und diese Mütter sind auch nervig, weil die immer nur über ihre Kinder reden.
Empfindest du ein Kind als Hürde, um einen festen Job zu bekommen?
Definitiv. Denn die Betreuungszeiten reichen ja nicht aus. Der Kindergarten hat von 7:15-16:15 Uhr auf. Ich muss Meo jeden Morgen bringen, weil mein Freund dann schon weg ist. Ich brauche also einen Job, der in dieser Zeit liegt. Abholen könnte mein Freund ihn. Aber ich will auch nicht erst um 18 Uhr nach Hause kommen, weil ich dann ja meinen Sohn nicht mehr sehe. Die Arbeitgeber sind da nicht flexibel genug. Ich denke, wenn man das organisieren würde und Interesse daran hätte, dann könnten viel mehr Frauen arbeiten und nicht vor dem Dilemma stehen, dass es vielleicht ein, zwei Stunden am Tag sind, die dich davon abhalten, Vollzeit arbeiten zu gehen.
Hattest du dir das so vorgestellt?
Ich dachte, dass es mit dem Berufseinstieg klappt, wenn Meo im Kindergarten ist. Denn dann ist er ja betreut. Aber es stellte sich heraus, dass es doch nicht geht. Zum einen sind die Arbeitszeiten nicht mit den Betreuungszeiten vereinbar und zum anderen gibt es Vorurteile auf Seiten der Arbeitgeber. Ich war zum Beispiel als freie Mitarbeiterin in einer kleinen Agentur, die hat zwei Männern gehört. Der eine war schon Vater, der andere wurde es gerade. Es ging dann darum, dass sie expandierten und neue Leute einstellen wollten. Und da kamen so Sprüche wie „Ich würde ja nie eine Frau einstellen, denn die wird ja Mutter.“ Na toll, habe ich mir da gedacht, und was ist mit euch? Deine Frau bleibt zu Hause. Das empfinden noch immer viele Männer so, dass das so zu sein hat.
Es ist auch bei jedem Vorstellungsgespräch ein Thema, dass ich ein Kind habe. Dazu werde ich immer detailliert befragt. Ich glaube, das ist in Westdeutschland noch viel mehr ein Problem als in Ostdeutschland. Ich komme aus Ostdeutschland, und da hat ja die Mutter traditionell immer gearbeitet. Ich habe jetzt gerade dazu eine Studie gelesen, dass in Ostdeutschland Managerposten viel öfter mit Frauen besetzt werden, auch wenn sie Mütter sind. Ich selbst bin auch mit dem Anspruch aufgewachsen, dass ich Familie haben will, aber auch arbeiten gehen will.
Was hältst du denn von dem neuen Unterhaltsrecht?
Das ärgert mich. Gut, wenn man unbedingt zu Hause bleiben will, okay. Wenn man aber zu Hause bleiben muss, weil die Betreuung nicht anders funktioniert und dann diese Leistung gar nicht anerkannt wird… Also erst alles abladen auf den Frauen, und dann aber nicht anerkennen. Wenn man jetzt mal mit dem Kopf drangeht: Als Frau bist du eigentlich extrem blöd, wenn du ein Kind bekommst. Das ist Arbeitszeitausfall, zum Beispiel bei mir: Ich bin 33 Jahre alt, immer noch Berufsanfängerin und komme seit fünf Jahren nicht rein, habe nicht in die Rentenkasse einbezahlt und bin in keinster Weise abgesichert. Diese aufopferungsvolle Arbeit, die man für sein Kind macht − man möchte ja auch, dass das Kind was Ordentliches wird − , wird dir in keinster Weise gedankt. Das ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit. Und mich ärgert, dass das allen so egal ist. Dass sich auch Frauenrechtlerinnen mit so einem Scheiß auseinandersetzen, dass man immer die Frauen mit ansprechen muss, also „Liebe Kolleginnen und Kollegen“. Was für ein Schwachsinn, statt die Kraft dafür zu verwenden, dass die Frauen gleich bezahlt werden, dass sie die gleichen Möglichkeiten haben, dass man in die Jobs rein kommt, dass die flexibler gestaltet werden. Ich habe das Gefühl, dass es da keine Lobby gibt. Denn die Leute, die auf den Posten sitzen und was ändern könnten sind entweder Männer, die wahrscheinlich die Frau zu Hause sitzen haben, oder es sind meistens Frauen, die keine Kinder haben und die sich das alles wahrscheinlich nicht vorstellen können. Neulich habe ich gelesen, dass die Waffenlobby im Bundestag größer ist, als die Lobby der Familie und Kinder. Wo leben wir denn hier, wie kann das denn sein? Alle erwarten von den Kindern, dass die sich den Arsch aufreißen und die Renten finanzieren, aber niemand tut was dafür, das ist immer noch so Adenauer „Kinder kommen von alleine.“ Aber das ist nicht so. Erzieherinnen zum Beispiel sollten besser bezahlt werden, denn die können so viel retten, wenn das Kind irgendwelche Probleme hat.
Das neue Unterhaltsrecht kann man ja von zwei Seiten sehen: Man könnte auch sagen, dass die Frauen, die jetzt ein Kind bekommen, sich nicht mehr auf dieses Betreuungsmodell einlassen.
Ich finde aber, damit ist den Frauen der schwarze Peter doppelt zugeschoben. Als Frau hast du ja aus biologischen Gründen nur einen gewissen Zeitraum, in dem du Kinder bekommen kannst. Und es ist ja besser, wenn du die Kinder in den 20er Jahren bekommst. In der Zeit stellst du aber gleichzeitig die Weichen für deine berufliche Zukunft. Das heißt, du hast da eine Rush-hour: Du musst Kinder kriegen, deine Karriere auf die Beine stellen. Welche Möglichkeit hat man denn als Mutter? Du kannst dich nicht auf deinen Mann verlassen und kannst aber auch keinen Job machen. Ich will den schwarzen Peter auch gar nicht den Männern zuschieben. Ich glaube, das ist eher ein unternehmerisches Problem. Ich kenne auch Männer, die zu Hause geblieben sind und sich um das Kind gekümmert haben, weil da die Frauen den besseren Job haben und mehr verdienen. Bei einem Freund von mir, als der sagte, der geht in Elternzeit, da wurde ihm ziemlich schnell gekündigt. Ein anderer Vater wollte Teilzeit bei seiner Firma arbeiten. Die haben dann zu ihm gesagt: „Wenn sie Teilzeit arbeiten, dann haben sie hier keine Zukunft.“ Das Problem wird so ja nur umgelagert. Es muss auf unternehmerischer Seite was passieren. Es gibt so viele Möglichkeiten, z.B. Schichtarbeit, Gleitzeit oder ein Betriebskindergarten. Da ist eben die Frage, ob man das will oder nicht. Und ich glaube, man will das nicht. Wenn ich und mein Freund je 30 Stunden die Woche arbeiten könnten, dann fände ich das perfekt. Aber so einen Job muss ich erst mal kriegen.
Wie wäre das Arbeitsmodell, das du dir wünschen würdest?
Ich würde mir wünschen, dass ich mir die Zeit relativ flexibel einteilen kann. Dass ich einen Teil der Arbeit auch von zu Hause erledigen kann, bei manchen Sachen ist es ja egal, ob man die nachmittags um fünf oder abends um zehn Uhr macht. Ich kann zum Beispiel gut nachts arbeiten. Wenn ich beispielsweise von 9 bis 14 Uhr fest arbeiten würde und mir die restliche Arbeit frei verteilen könnte wäre das super. Ich möchte kein Geld haben vom Staat, sondern lieber Möglichkeiten. Ich will ja arbeiten gehen.
Wie ist es jetzt mit der Kinderbetreuung organisiert?
Momentan mache ich das noch immer, weil ich ja noch keinen festen Job habe. Das Problem ist auch, dass mein Freund jeden Tag pendeln muss, weil er hier in Köln keinen Job gefunden hat. Deswegen schafft er es nur an zwei Tagen in der Woche, Meo vom Kindergarten abzuholen. Das hatten wir uns auch besser vorgestellt. Sein Bruder wohnt jetzt in Köln, da haben wir von ihm Unterstützung. Und wenn ich einen festen Job hätte, dann würde das auch mit dem Abholen irgendwie klappen, zur Not müsste man eben jemanden bezahlen, der Meo dann ein oder zwei Stunden betreut. Das fände ich zwar nicht gut, weil je älter die werden, umso weniger sieht man die so und so. Am Anfang ist es die Umstellung, sich auf das Kind einzustellen. 24 Stunden hast du das Kind um dich. Wenn sich dann die Kinder nach und nach aus dieser Nummer lösen, dann tuts einem auch weh. Man hat sich drauf eingestellt, und auf einmal sieht man die immer weniger. Als er in der Krabbelgruppe war, war er dort nur vier Stunden am Tag. Und alle zwei Wochen musste ein Elternteil mitbetreuen. Man hat also super mitbekommen, was da in der Gruppe passiert. Und jetzt im Kindergarten kriegst du gar nichts mehr mit, da ist er von morgens bis nachmittags. Du weißt nicht: Was macht der da in der Zeit? Und die paar Elterngespräche sind ein bißchen wenig.
[...] Zusätzlich ist Dorothée Quarz auch eine geschickte Frage-Stellerin: Die Fragen sind offen und einfach gehalten und lassen den Antwortenden Raum, sich zu entfalten. Hier ein Beispiel. [...]