ULLA aus Köln, 41, Betriebswirtin. Verheiratet. Eine Tochter, 10 Jahre alt. Arbeitet 15 Stunden pro Woche (auf dem Papier, real sind es mehr Stunden).
Wie hast du von der Schwangerschaft erfahren?
Als ich 30 wurde, hatte ich beruflich sehr viel erreicht. Und an meinem dreißigsten Geburtstag dachte ich so ganz klassisch, wie man sich das so vorstellt: „Jetzt muss ein Kind her.“ Das hatte ich früher nie gedacht. Wenige Monate später war ich dann schwanger. Wir dachten, dass es viel länger dauert, und waren dann erstmal sehr überrascht. Mein Mann hatte zu dem Zeitpunkt auch gerade seinen Beruf gewechselt und da haben wir uns auch gefragt, ob das so klug ist. Zu dem Zeitpunkt, 1998, war ich sehr viel im Außendienst unterwegs. Ich war Senior Account Managerin Indirect Sales, beim ersten Internet-Provider Deutschlands. Mein Mann und ich waren dadurch, dass wir beruflich so viel erleben durften, einen hohen Standard gewohnt: Tolle Hotels, Geld haben, in Musicals gehen, schick Essen gehen und so. Mein Mann ist begeisterter Heimkinofreak – in all sowas ging unser Geld. Und wir hatten lange das Gefühl, dass uns nichts fehlt. Das revidieren wir heute komplett. Wenn man kein Kind hat, ist man sich gar nicht bewusst, was einem fehlt. Es ist irre, wie ein Kind die eigenen Ansichten und alles verändert. Man löst sich selbst von den Eltern, man gibt endgültig den Kindstatus ab. Man erreicht sozusagen das nächste Lebenslevel.
Wie war die Schwangerschaft?
Ich habe bis vier Wochen vor der Geburt gearbeitet und mir gings blendend. Ich musste nur manchmal liegend telefonieren, aber das war ja kein Problem. Ich hatte eine innere Ruhe und ein tolles Strahlen. Alle Hunde haben die Schnauze auf meinen Bauch gelegt, das fand ich total schön. Ich war eine richtig verrückte Mama, hatte schon viele Monate vor der Geburt nachgefragt, wo es Babyschwimmen gibt und so. Ich hatte aufgehört zu rauchen, keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken, da war ich etwas pedantisch. Aber das fiel mir auch gar nicht schwer. Ich habe mich ausgewogen ernährt, hatte zum Beispiel gelesen, dass Studentenfutter gut zwischen dem dritten und dem sechsten Schwangerschaftsmonat ist, weil sich dann die Gehirnzellen besonders entwickeln. Ich habe alles über Babys gelesen und habe dabei auch meine Seele zur Homöopathie entdeckt und mich mit Bioernähurng auseinandergesetzt. Schon Monate vor der Geburt hatte ich das Kinderzimmer gestrichen und die Möbel aufgestellt, damit alles ausdunstet.
Wie war die Geburt?
Man hat ja so seinen Traum, wie die Geburt abläuft. Aber alles kam ganz anders. Ich hatte einen blöden Frauenarzt, das war mir aber damals nicht so bewusst. Der war im Geburtsmonat in Urlaub und ich bin zur Kontrolluntersuchung ins Krankenhaus gegangen. Da war ich schon zwei Wochen überfällig. Die haben alles mögliche untersucht bei mir, um herauszufinden, warum es so lange dauert. Aber ich war kerngesund. Dann wurde ein Ultraschall gemacht und der Professor sagte, dass es nicht gut aussieht. Vorher hieß es immer: Das Kind wäre riesengroß. Aber jetzt sagte der Professor, dass es ein langes, schmales Kerlchen wäre und er einen Kaiserschnitt vorschlage. Das habe ich aber super verkraftet, es war mir egal: Hauptsache der kleine Knirps kommt gut raus. Dann haben die mich ans CTP angehängt und plötzlich hieß es: Es gibt keine Herztöne. Ich dachte: „Was, es gibt keine Herztöne, ich spüre es doch strampeln!“ Um mich herum war dann eine Hektik ausgebrochen, aber davon habe ich mich überhaupt nicht anstecken lassen. Ich war in meiner eigenen Welt, und wusste, dass alles gut wird. Keine Ahnung, ob das die Hormone oder so waren. Die hatten alles mögliche versucht, dass sich mein Muttermund öffnet, Gel draufgestrichen und so, aber das hat nicht geklappt. Und dann haben die versucht, den Muttermund mit den Fingern zu öffnen und das Käppchen mit den Fingern runterzukratzen. Das war das allerunangenehmste an der ganzen Geburt. Wir haben es dann mit sechs Stunden Wehen versucht, aber nichts hat sich getan. Während der Wehen war ich gutgelaunt und habe da drin Partytime veranstaltet. Dann kam die Stunde des Kaiserschnitts. Ich bekam Vollnarkose, weil eine Rückenanästhesie nicht mehr ging. Mein Mann stand mit der Hebamme hinter einer Glasscheibe. Mein Mann sagt, dass er immer nur sehen konnte, wie sich die Ärtze auf mich drauf geworfen haben. Mein Kind hatte sich nämlich in die Nabelschnur eingewickelt. Das war ziemlich dramatisch. Eine natürliche Geburt hätte sie nicht überlebt. Sie hatte in mir schon 600 Gramm abgenommen. Die Käseschmiere, die ja dafür da ist, dass die Babys vor dem Fruchtwasser geschützt werden, war schon ab. Das Fruchtwasser war grün, das ist immer ein Zeichen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Als das Kind dann draußen war, sind sie rüber zu meinem Mann gerannt, haben ihm das Kind gezeigt, und dann hat sich der Doktor mit der Krankenschwester gestritten, ob man jetzt absaugt oder dies oder jenes, weil das Kind nicht geatmet hat. Mein Mann stand nebendran und dachte, er bekommt einen Föhn. Dann kam sie ins Wärmebettchen und wurde abgesaugt. Sie hat eine zehntägige Antibiotikakur bekommen, wegen dem grünen Fruchtwasser. Ich wurde auf Station gebracht und wurde langsam wieder wach. Am nächsten Tag bin ich dann voller Stolz zu meinem Kind und habe es das erste Mal gesehen. Da bin ich total erschrocken. Es lag ja da in diesem Wärmebettchen, hatte eine Kopfsonde, durch die das Antibiotika kam, war komplett angeschlossen an eine Sauerstoff- und Herzschlagatmungmontur. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Aus heutiger Sicht war das vor allem für meinen Mann sehr anstrengend, ich war ja noch immer so ein bißchen dämmrig und habe sie erst einen Tag nach der Geburt gesehen. Mein Mann wusste ja aber gleich Bescheid, und er hätte, glaube ich, jemanden gebraucht, einen guten Kumpel, der mit ihm eine Flasche Whiskey leermacht und den Mond anheult. Er wusste ja auch nicht, wie es mir geht, ich war nicht ansprechbar und er hatte Angst. Eigentlich müsste man sich bei der Geburt auch mal um die Männer kümmern. Wir Frauen haben ja unsere Hormone. Die Männer müssten im Krankenhaus mit Freunden die Geburt begießen, dann würde auch die Anspannung vom Mann abfallen.
Wie gings dir dann nach der Geburt?
Ich war total überrascht, wieviel Blut man nach der Geburt noch verliert. Ich dachte, ich bekomme noch ein Kind. Das sagt einem ja auch keiner vorher und es stand auch in keinem schlauen Buch. Die Blutungen waren zehn Tage lang extrem. Und ich habe geschwitzt, als gäbe es kein Morgen mehr; da wird dann das ganze Wasser aus dem Körper rausgeschwitzt. Am zweiten Tag konnte ich wieder laufen und brauchte auch keinen Blasenkatheter mehr. Vom Krankenhaus wird wie verrückt darauf geguckt, ob man Stuhlgang hat; man bekommt Kleiebrötchen und das Ganze. Ich war damals privatversichert, und mich hat der Unterschied zwischen den Privat- und den Kassenpatienten richtig erschrocken. Wir bekamen auf unserer Station spezielles, stillgerechtes Essen, kein Kohlgericht und so. Auf der Kassenstation gab es das normale Krankenhausessen. Das war auch in anderen Punkten eine Zweiklassengesellschaft.
Hast du gestillt?
Weil die Geburt schon nicht so toll gelaufen war, wollte ich wenigstens stillen. Ich bekam eine Elektropumpe, weil mein Kind noch so schwach war. Mir gings saugut, ich hatte die Narkose gut vertragen und war eigentlich immer bei meinem Kind. Dem gings auch immer besser, es hatte dann auch nur noch die Kopfsonde für das Antibiotika drin. Da konnte ich sie schon anlegen und stillen, das hat super geklappt. Mein Mann hatte zu der Zeit auch noch Urlaub und war viel im Krankenhaus. Acht Tage nach der Geburt gings mir schon wieder so gut, dass mein Mann und ich essen gegangen sind. Er sagte, wir hätten ja jetzt noch den besten Babysitter der Welt, das Krankenhaus, und dann waren wir im Steakhaus und haben da den Abschied unserer Nichteltern-Zeit gefeiert. Als Viktoria noch im Krankenhaus war, hatte ich es mir verbeten, Besuch zu bekommen, weil ich konnte ja nichts zeigen. Und wenn ich den Leuten das Kind im Wärmebettchen gezeigt hätte, dann hätten sie das immer so in Erinnerung gehabt; dann hätte es so einen Makel gehabt. Ich hätte schon nach Hause gehen könne, aber ich wollte nicht ohne Kind nach Hause. Das war mir ganz wichtig. Zwölf Tage nach der Geburt sind wir dann nach Hause. Und an dem Tag hatte mein Mann eine Besprechung in einer anderen Stadt und war nicht zu Hause als wir kamen, und das hat mir sehr gefehlt, das war ganz komisch. Danach hatten wir eine sehr schöne Zeit. Viktoria war von Anfang an sehr pflegeleicht und ich hatte direkt eine sehr innige Bindung zu ihr. Wir lagen oft gemeinsam auf der Couch, da habe ich sie gestillt, und dann sind wir beide eingeschlafen. Sie wurde ja am Tag fünf bis sechs Mal gestillt, da ist man den ganzen Tag beschäftigt. Das Stillen ist ja nicht in zehn Minuten fertig. Wir haben dann auch zum ersten Mal Weihnachten hier alleine zu Hause gefeiert, und das war sehr schön.
Wie sah dein Alltag aus?
Ich war die erste Zeit zu Hause, war viel mit dem Kinderwagen unterwegs. Mein Mann war arbeiten und ich hatte einen wunderschönen Tag. Ich hatte auch nichts vermisst. Aber dann stand mein ehemaliger Chef sechs Monate nach der Geburt vor meiner Tür und sagte: Wir brauchen dich. Dabei hatte ich ja geplant, drei Jahre zu Hause zu bleiben. Damals konnte man bis zu 19 Stunden pro Woche im Erziehungsurlaub arbeiten. Ich bin dann in der Woche drei Tage für jeweils sechs Stunden arbeiten gegangen und habe Viktoria mitgenommen. Ich konnte wunderbar arbeiten, weil immer irgendjemand mit meiner Tochter gespielt hat. Zum Stillen habe ich mich in ein Einzelbüro zurückgezogen. Aber es konnte ja nicht so weitergehen, dass sich die ganze Zeit jemand in der Firma um mein Kind kümmert. Es kam dann jemand nach Hause zu uns, hat sich um Viktoria gekümmert und hat sie mir zum Stillen ins Büro gebracht. Das konnte man zu Fuß gut erreichen. Ich hatte dann auch eine Tagung in Tittisee Neustadt, da fuhren mein Mann und Viktoria mit. Die waren im Hotel und zum Stillen bin ich zwischendurch hoch ins Hotelzimmer. Es geht alles. Irgendwann wollte Viktoria nicht mehr gestillt werden und sie war auch direkt eine begeisterte Esserin. Dann kam sie zur Tagesmutter. Montag und Freitag war ich zu Hause, da waren wir in Kursen und im Babyschwimmen. Das haben wir alles schön mitgemacht. An den anderen Tagen habe ich sie morgens vor der Arbeit zur Tagesmutter gebracht und danach wieder abgeholt. Die Tagesmutter hatte fünf Kinder, die waren alle älter als Viktoria, und davon hat sie profitiert. Sie konnte früh sprechen und war ziemlich flott in allem. Viktoria war auch immer viel mit auf Reisen. Das hat immer geklappt, wir sind dann eben schon um neun Uhr ins Hotel und haben das Nachtleben eben nicht mehr so mitgemacht. Dass sie pünktlich schläft, war uns auch immer wichtig, ich habe auch nie so Experimente mitgemacht wie auf die Waschmachine stellen oder im Auto rumfahren, ich habe sie von Anfang auch wach hingelegt. Das war uns wichtig, und es hat auch funktioniert.
Wie lange hattest du eine 19 Stunden Woche?
Als Viktoria ein Jahr alt war, bin ich hoch auf eine 30 Stunden Woche. Zwei Tage in der Woche hatte ich Homeoffice. De Facto habe ich 40, 50 Stunden in der Woche gearbeitet, aber wenn ich dann mit Victoria unterwegs war, wollte ich das Handy guten Gewissens ausstellen können. Deswegen hatte ich keinen Vollzeitvertrag unterschrieben, um bei meinen Kollegen Verständnis zu wecken, dass ich mir manchmal die Freiheit nehme, das Handy auszumachen. Viktoria blieb weiter drei Tage in der Woche bei der Tagesmutter. Ich hatte mir eine Zugehfrau für den Haushalt geholt und hatte mir sozusagen meine Freiheit erkauft. Es gab also nur Arbeit und Viktoria, alles andere habe ich outgesourct. Als Viktoria dann im Kindergarten war, war ich in Den Haag beschäftigt. Mein Standortbüro war Homeoffice, aber an zwei Tagen die Woche war ich in Frankfurt und einmal im Monat für eine Woche in Den Haag; zur Teambesprechung. Das war sehr spannend, man kommt raus, ist in schönen Hotels, man kann essen, was man will. Das ist ja das, was Mamas verloren geht: Man kocht jeden Tag, und vorher konnte man, selbst wenn man in die Kantine geht, doch mindestens zwischen zwei Gerichten wählen. Man hat die Freiheit, abends eine Pizza zu bestellen, das macht man mit Kind nicht mehr so.
Wie hattet ihr damals den Alltag gestaltet?
Ich hatte einen Firmenwagen, bin morgens ganz früh nach Frankfurt und mein Mann hat Viktoria in den Kindergarten gebracht und sie auch abgeholt. Er hat einfach so gearbeitet, wie die Öffnungszeiten des Kindergartens sind. Da war der Arbeitgeber meines Mannes super. Wir planen eben unsere Termine gut, das ist schon harte Organisation. Wenn er bei Ford in Wechselschicht am Band stehen würde, ginge mein Leben so nicht. Aber wenn man so Berufe hat wie wir, dann geht das auch, das sehe ich auch in meinem Bekanntenkreis. Wenn der Mann nicht ein totaler Knetkopf ist, dann kriegt man das auch hin. Oft sagt dann der Mann „Mein Chef sieht das nicht gern.“ Mein Mann hat auch zwei Chefs, die keine Kinder haben, aber da sagt mein Mann eben: „Ich muss.“ Und wenn ich auf Lehrgängen war, gabs oft eine Kinderbetreuung, da habe ich Viktoria mitgenommen. Dann waren wir beispielsweise in Travemünde, das war toll. Und das verbindet auch ungemein. Viktoria kann sich auch einfach benehmen, wir waren morgens im Hotel essen, und ich muss mir nie Sorgen machen, ob die essen kann. Und sie kam natürlich auch nicht zu kurz. Wenn wir zum Beispiel einkaufen waren, haben wir Spiele gemacht, also zusammengerechnet, was der Einkauf kosten wird und uns dann an der Kasse gefreut, wenns gestimmt hat. Sie hat auch oft den Einkaufszettel geschrieben, auch als sie noch nicht schreiben konnte: Dann hat sie die Eier eben gemalt. Ich habe Viktoria immer ins Leben miteinbezogen.
Wie war es, als Viktoria in die Schule kam?
2004 kam sie in die Grundschule. Ich bekam eine sehr gute Abfindung von meinem Arbeitgeber und war wieder frei. Dann habe ich für verschiedene frühere Geschäftspartner gearbeitet, kleine freiberufliche Jobs. Messen oder Presseterminie mitorganisiert, Vertriebsschulen oder habe die Auszubildenden auf Prüfungen vorbereitet. In der Grundschule war Viktoria zuerst im Hort, aber der war eine Verwahranstalt, und da haben wir sie schnell wieder abgemeldet. Da ich ja freiberuflich gearbeitet habe, hatte ich meine Termine auf den Vormittag gelegt, und wenn mal was später war, musste mein Mann einspringen.
Ich hatte früher sehr gut verdient. Ich hatte eine ganze Winterstiefelkollektion und die passenden Taschen dazu, und das ist blöd, wenn man durch die Stadt geht, und dann dem entsagen muss. Deswegen wollte ich schon aus finanziellen Gründen weiterarbeiten.
In der Grundschule ist es ja so, da bekommt man heute einen Zettel, dass morgen um 12 Uhr schon Schluss ist. Ich finde, das kann nicht angehen. Diese Kurzfristigkeiten, die denken, man kann hüpfen und springen. Wir möchten auch, dass immer jemand da ist, wenn sie nach Hause kommt, dass sicher ist, dass sie gut nach Hause kommt und sie mit jemandem über die Eindrücke des Tages reden kann. Danach ist sie jetzt inzwischen schon auch manchmal alleine. Das ging bisher, wir haben zum Beispiel auch eine Nachbarin, die ist eine ältere Frau und praktisch Viktorias Ersatzoma hier in Köln, da kann sie immer hingehen. Ohne die könnten wir unser Leben auch nicht so leben. Jetzt ist Viktoria im Gymnasium, da hat sie jeden Tag bis halb zwei Schule. Ich bin seit einiger Zeit bei meiner Schwester in der Firma eingestiegen, habe eine 15 Stunden Woche mit ihr vereinbart, aber im Familienbetrieb ist das lachhaft, es sind immer mehr Stunden. Alle 14 Tage fahre ich für ein bis zwei Tage in die Geschäftsstelle ins Saarland.
Wie wird es für dich beruflich weitergehen?
Ich habe 2004 aufgehört, in Führungspositionen festangestellt zu arbeiten. Wenn ich mich in sechs, sieben Jahren wieder um eine Führungsposition bewerbe, dann hoffe ich, dass mir die Pause nicht so schlimm angerechnet wird. Ich habe ja immerhin freiberuflich gearbeitet. So hoffe ich, dass ich mit Anfang 50 noch eine Chance bekomme. Ich finde es schade, dass man sich mit 40 nicht noch mal umorientieren darf, wo wir doch eine so lange Lebensspanne haben. Aber das ist ja gesellschaftlich gar nicht anerkannt. Ich denke, die Männer müssen auch sehr viel leisten. Wenn die bis 40 nichts erreicht haben, dann wird auch nichts mehr aus ihnen. Wir Frauen sind gesellschaftlich viel mehr akzeptiert und wir dürfen uns auch heute viel mehr erlauben und machen. Und von den Männern wird noch immer so eine Gradlinigkeit erwartet.
Wann hast du Zeit für dich?
Abends um acht geht Viktoria ins Bett, und dann beginnt meine Freizeit. Länger hätte ich es auch nicht ertragen, das hört sich jetzt schlimm an, aber da war ich dann einfach auch leer. Manchmal hat sie versucht, dass ins Bett gehen herauszuzögern, aber da habe ich ihr auch gesagt „Mein Job Viktoria ist jetzt rum, jetzt beginnt mein Job Ulla.“ Das habe ich klar formuliert. Als Viktoria im Kindergarten war, war sie bis um 17 Uhr betreut. Da habe ich es so gemacht, dass ich schon um 16 Uhr zu Hause war. Dann hatte ich eine Stunde für mich. Das war das Beste, das empfehle ich jeder Mama. Viele rasen ja sofort zum Kindergarten, aber die Kinder sind ja nicht unglücklich im Kindergarten und sind nicht nur mit Mama glücklich. Kinder bauen sich ja auch ihr soziales Leben auf und man hat sie Samstags und Sonntags komplett, unter der Woche abends und morgens. Ich fand es immer wichtiger, dass wir spontan was gemacht haben. Wenn ich mal Überstunden abgefeiert habe, zwei Tage oder so, habe ich sie abgemeldet und wir haben was unternommen.
Was hast du in der freien Zeit gemacht?
Wenn ich mittags nach Hause kam, habe ich in dieser einen Stunden Sachen mal ganz in Ruhe gemacht. Wenn man mit einem Kind morgens aus dem Haus geht, hat man so vieles im Kopf. Mama, mein Schuh ist noch auf, hat sie die Trinkflasche, und gleichzeitig guckt man ja auch, ob man für sich selbst alles hat: Akten, Schlüssel, habe ich die Mail noch abgeschickt? Lieber stehe ich morgens eine Stunde früher auf, auch wenn ich morgens gerne länger schlafe, und regle dann meine Sachen, alles abfahrbereit, und dann kommt Viktoria.
Was würdest du dir von der Politik wünschen?
Ich würde mir von der Politik wünschen, dass endlich begriffen wird, dass unsere Kinder Geld kosten. Wenn man sich die Toiletten in Schulgebäuden anschaut: Die sehen schlimmer aus, als die im Londoner U-Bahnhof. Seifenbehälter, Toilettenpapier, Klobrillen – alles wird da zerstört. Dass unseren Kindern zugemutet wird, dass die in Gebäuden, die aus Geldmangel nicht saniert werden, zur Schule gehen, ist eine Frechheit. In der Grundschule meiner Tochter konnte die Beschattungsanlage vier Jahre lang nicht repariert werden. Die Kinder kamen mit Kopfschmerzen nach Hause. Durch die Schulzeitverkürzung müssen die Kinder jetzt länger in die Schule gehen. In Deutschland war es lange so, dass die Kinder zum Mittagessen nach Hause gehen. Jetzt sollen sie in der Schule essen, aber es gibt keine Küchen in den Schulen und es sind keine Köche eingestellt. Und es kann nicht alles immer aufs Ehrenamt abgewälzt werden, damit es nichts kostet. Das kommt mir vor wie heiß geschnitten und niemand denkt daran, wie es in der Realität funktionieren soll. Man hört immer nur: Die Kinder sind zu dick. Aber es wird ja nichts Gesundes angeboten. Es gibt einen Hausmeister, der einen Imbiss anbietet, und was meinst du, wie der aussieht? Nebendran ist eine Pizzeria und ein Kiosk – es gibt doch nichts für Kinder. Ich habe Spielzeugmärkte innerhalb von vier Wochen komplett aufgebaut, wieso kann dann eine Schule nicht innerhalb von vier Wochen eine Küche und eine Hauswirtschafterin haben? Wieso muss eine Fertigmenu Schale in die Mikrowelle geschoben werden? Das ist ja auch eine riesige Umweltsauerei. Für den Ganztag gibt es jetzt eine halbe Stelle mehr. Das reicht nicht: Es müssen fünf, sechs, sieben Kräfte her, Sozialarbeiter, Lehrer. Aber das Problem ist: Es darf nichts kosten. Und das geht nicht.