NIMA aus Offenbach, 35, Erzieherin. Geschieden und alleinerziehend. Zwei Söhne, Daniel und Timo, 9 und 10 Jahre alt. Arbeitet Teilzeit.
Wie war es, als euer erster Sohn Timo auf die Welt kam?
Als Timo auf die Welt kam, war er ganz gelb. Wenn man gelb ist, dann braucht man Tageslicht. Dafür gabs dann ein Bett, um das ein Schlauch mit blauem UV-Licht gewickelt war, dazu haben wir immer „Disco-Bett“ gesagt. Das stand auf der Säuglingsstation, und dadurch konnte ich den Timo nicht bei mir haben, was schade war. Timos Blutwerte waren schlecht und er blieb gelb. Dann hat auch noch die Schilddrüse verrückt gespielt und sein Kopf ist zu schnell gewachsen. Es wurden ganz viele Tests gemacht, von denen ich zuvor nie gehört habe. Die haben die ganze Zeit gesucht, was los ist. Es stand zur Debatte, dass Timo einen Genfehler hat. Wenn er den gehabt hätte, dann wären nach und nach alle Organe kaputtgegangen. Um den Timo bin ich heute noch besorgter als um den Daniel, obwohl ich natürlich beide gleich lieb habe. In der Klinik war ich mit dem Timo immer alleine. Mein Mann musste arbeiten. Meine Eltern kamen oft, aber ich war immer meinen Gedanken überlassen. Da muss man sich teilweise selbst auch wieder rausholen können.
Hatte Timo dann einen Genfehler?
Nein. Es hat ein Jahr gedauert, bis das Ergebnis vom Genlabor kam. Es gibt nur ein Genlabor in Deutschland, dass das testen kann, und dann dauert es halt länger. Das Ergebnis war negativ. Inzwischen denken wir, dass er eine Leberstörung hat. Sein Vater hat das auch. Das ist eine Fett-, Zucker- und Alkoholunverträglickeit; die Galle arbeitet nicht so hundertprozentig, das nennt sich Morbus Meulengracht. Das war eine lange Suche, Gott sei dank hatten wir einen super Kinderarzt, der sich da reingekniet hat.
War euer zweiter Sohn, Daniel, so geplant?
Daniel wollten wir eigentlich erst später bekommen. Timo war neun Monate alt und ich wieder schwanger. Da habe ich gedacht „Ach du lieber Gott, nicht schon wieder“. Weil Timo krank war und es damals noch nicht klar war, ob er diesen Gendefekt hat, habe ich mich gefragt: „Was ist, wenn wirklich eine Genstörung vorliegt, dann hat das zweite Kind das ja vielleicht auch?“ Das war für mich sehr belastend. Wir wurden von anderen Leuten gefragt, ob wir jetzt das zweite Kind bekommen müssen, das könnte ja auch krank sein. Abtreibung kam für mich aber nicht in Frage. Aber ich hatte auch Gewissenbisse: Was ist, wenn der Timo jetzt den Gendefekt hat, und der Daniel auch? Da habe ich mir schon Selbstvorwürfe gemacht. Ich weiß nicht, ob ich heute nicht einfach sagen würde: Das ist jetzt so, ich stehe dem selbstsicherer gegenüber. Mittlerweile würde ich sagen, ich würde erst mit 30 Jahren Kinder kriegen, weil man dann sicherer im Leben steht. Und man macht sich im jungen Alter nicht so die Gedanken, was alles dahintersteckt. Die Verantwortung, und bis man sie mal groß hat… Mit 30 ist man da besonnener. Ich habe mir früher viel reinreden lassen und mich beeinflussen lassen. Heute habe ich eine Sicherheit und würde machen, was ich für richtig halte.
Wie lange warst du nach der Geburt zu Hause?
Ich war ab dem ersten Kind insgesamt fünf Jahre zu Hause. Zwischendurch habe ich immer mal wieder Krankheitsvertretung im Kindergarten gemacht, und ein halbes Jahr habe ich zehn Stunden in der Woche gearbeitet. Da war der Timo schon im Kindergarten. Daniel war zwei Jahre alt und konnte noch nicht in den Kindergarten, das war damals noch nicht so wie heute. Wir haben den Kredit für den Hausbau extra so finanziert, dass wir von einem Gehalt leben können; so musste ich nicht arbeiten gehen. Mir war es wichtig, dass ich für meine Kinder da bin. Es gab zwar damals auch einen Ganztagskindergarten, aber da gabs nur wenig Plätze, und die waren sehr begehrt. Und eigentlich wollte ich auch nicht, dass meine Kinder den ganzen Tag in einer Einrichtung ist, denn ich bekomme ja schon ein Kind, um für mein Kind da zu sein. Und wenn man mal weiter denkt: Eine Ganztagsschule gab es damals hier noch nicht, dann hätte ich eh schauen müssen, dass ich nur vormittags arbeite. Dass mit der Krankheitsvertretung habe ich gemacht, damit man im Beruf drin bleibt und mal rauskommt. Wobei ich auch die ganze Zeit mit meinen Kindern zu Hause bleiben könnte, ich würde die Zeit rumbringen. Aber ich gehe auch gerne arbeiten. So wie es jetzt gelöst ist, ist es toll. Ich arbeite vormittags und montags abends bin ich in der Teamsitzung. Inzwischen sind die auch so alt, dass ich sagen kann, ich gehe jetzt zwei Stunden arbeiten, ihr bleibt allein zu Hause.
Wieso habt du und dein Mann euch getrennt?
Er hat sich einfach neu verliebt. Wir hatten viel Alltag in der Beziehung, ich war abends oft kaputt von den Kindern, Einkaufen, Haushalt – das Übliche. Und er hat das irgendwie nie verstanden. Ich saß manchmal abends auf der Couch und dachte: Wenn mich jetzt noch einer anspricht, dann drehe ich durch. Im Nachhinein kann ich sagen: Verstehe ich, dass er gesagt hat, dass er sich in meinem Leben nicht mehr wichtig und nicht geliebt fühlt. Wir waren auch mal bei einer Eheberatung, aber ich kann da ja auch nicht mehr sagen, als dass es nicht an seiner Person liegt, sondern ich einfach kaputt bin und mich mehr bemühen werde, ihm gerecht zu werden. Und meine Ehe war für mich auch in Ordnung. Ich habe damals nicht erkannt, wie sehr sie nicht in Ordnung war. Dann hat er die andere Frau kennengelernt. Die war in ihrer Ehe auch nicht glücklich und dann hat sich das so entwickelt. Ich war im Jahr vorher mit den Kindern in der Kur, da habe ich schon gemerkt: Ich könnte auch mit einem Fremden telefonieren, eigentlich hat er nur wegen den Kindern angerufen. Und als ich dann von der Kur heimkam, hat er das auch angesprochen, und daraufhin waren wir bei der Eheberatung. Wir wurden vielleicht ein Opfer des Alltags. Er hatte für meine Situation kein Verständnis und konnte nicht nachvollziehen, wie anstrengend meine Tage waren. Er war auch teilweise von seiner Arbeit gestresst, und ich hatte nicht mehr die Energie, mich auch ihm zu widmen.
Wie bist du mit der Trennung umgegangen?
Das war für mich ganz schlimm. Ich hätte damit nie gerechnet und ich hätte mich auch nie getrennt. Das hätte schon die Hölle sein müssen. Ich habe zwar auch manchmal gedacht „Jetzt sitzt du wieder so kaputt auf der Couch, soll das alles vom Leben sein?“ Aber ich habe mir gleichzeitig auch gedacht, dass die Kinder älter werden und es dann besser wird. Und das ist definitiv so, das kann ich ja jetzt beurteilen. Ich habe mir schon auch manchmal gewünscht, woanders zu sein, aber ich hätte nie die Familie aufgegeben.
Als wir uns dann frisch getrennt hatten, war ich oft beim Psychologen, alleine und mit den Kindern. Und das tat gut, einfach mal alles zu erzählen und zu überlegen, wie man mit den Kindern umgeht, was man denen erzählt. Die Kinder waren fünf und sechs Jahre alt bei der Trennung und hatten das nicht verstanden, denn wir hatten uns auch nie gestritten. Und irgendwann hat der Psychologe zu mir gesagt: „Sie haben wohl ihre Kinder mit dem geringsten Schaden durchgebracht, sie könnten ein Buch schreiben, Die Bilderbuch-trennnung.” Ich hatte Zorn und Agressionen, und manchmal habe ich Frust bekommen. Die ganze Woche lang bist du mit den Kindern zu Hause. Klar, am Wochenende nimmt er sie dann mal, aber vielleicht willst du auch mal unter der Woche wo hingehen, wenn meine Eltern nicht zu Hause sind und niemand auf die Kinder aufpassen kann. Und er, der kann immer weggehen. Er hat einmal am Wochenende die Kinder, einen Tag und eine Nacht, und ansonsten hat er frei. Inzwischen kann ich damit entspannter umgehen, aber gerade als die Kinder noch jünger waren und ich noch keinen neuen Partner hatte, dachte ich: Toll, jetzt sitzt du hier und versauerst. Am Anfang war ich vor allem darauf bedacht, dass die Kinder gut durchkommen. Aber dann hat der Psychologe irgendwann mal gesagt: Sie müssen da auch gut durchkommen.
Wie habt ihr die Kinderfrage nach der Trennung geregelt?
Das war für ihn gar kein Thema: Es war klar, dass die Kinder bei mir bleiben. Und ich hätte sie auch nicht hergegeben. Wobei der Daniel schon gerne gehen wollte, der hat eine starke Papabindung. Das war für ihn ganz hart, als der Papa ausgezogen ist.
Bist du zufrieden, wie ihr euch die Kinderbetreuung aufgeteilt habt?
Ja. Ich habe auch ein normales Verhältnis zu den Schwiegereltern. Wenn ich weiß, ich habe einen Termin und er auch, dann rufe ich die auch schon mal an und frage, ob sie die Kinder nehmen können.
Was machst du an dem Tag am Wochenende, wenn deine Kinder bei deinem Ex-Mann sind?
Im Moment gehe ich viel in die Sauna, zusammen mit meinem Freund. Mein Freund hat auch zwei Kinder und noch eines, von dem er so fast der Papa ist, also das Kind war ein halbes Jahr alt, als er die Frau kennengelernt hat. Und die sind auch am Wochenende da. Das ist eine ziemliche Organisiererei und Abstimmung. Wir beide wollen auch einen Tag und eine Nacht für uns haben. Jetzt am Wochenende schauen wir uns ein Auto an, in das sieben Leute reinpassen und überlegen, wie wir das finanzieren können. Denn wenn alle Kinder da sind, brauchen wir das. Die Kinder verstehen sich gut und freuen sich, wenn sie sich sehen.
Triffst du dich auch mal abends mit FreundInnen?
Ja, aber nicht so oft. Ich schaue dann, dass meine Eltern zu Hause sind. Sie wohnen im unteren Teil unseres Hauses und passen dann auf. Wobei ich sie mittlerweile manchmal auch für kurze Zeit alleine lasse. Ich spiele zum Beispiel Theater, und wenn ich da Probe habe und meine Eltern sind nicht da, dann lasse ich die Kinder auch mal alleine. Die Probe ist hier im Dorf und dauert eine bis eineinhalb Stunden. Der Timo hat dann das Telefon neben dem Bett, und wenn irgendwas ist, kann er anrufen und ich bin in fünf Minuten da. Das fange ich jetzt so an, dass ich sie auch mal alleine lasse. Aber mir ist es schon lieber, wenn jemand da ist.
Warst du mal alleine ohne die Kinder in Urlaub?
Ja, für ein Wochenende, noch mit meinem Ex-Mann. In den Sommerferien nimmt er die Kinder drei Wochen lang und in der Zeit sehe ich sie auch gar nicht. Das war am Anfang hart, aber mittlerweile sehe ich es unter dem Aspekt, dass es ihnen beim Papa gefällt, es ihnen gut tut und sie mich deswegen auch nicht brauchen. Letzten Sommer hat er mir mal den Vorwurf gemacht, von drei Wochen Sommerferien, in denen die Kinder bei mir waren, hätte ich nur eine Woche mit ihnen verbracht. Das stimmte auch, mein Urlaub ist blöd gefallen, und dann waren zwei Wochen während meinem Urlaub die Kinder bei ihm. Meine Eltern waren auch noch für eine Woche mit den Kindern im Urlaub, das ist alles blöd zusammengefallen. Aber es gibt 12 Wochen Ferien im Jahr, und er hat die Kinder nur drei Wochen. Oster-, Winter- und Herbstferien, da habe ich immer die Kinder, und da fragt er auch nicht, wie ich klarkomme. Da habe ich ja auch nicht immer frei, und dann hat meine Mutter die Kinder.
Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?
Wir stehen um halb sieben auf. Meine Kinder ziehen sich an, dann höre ich, wie die Kaffeemaschine angeht und sie machen sich ihr Müsli. Timo hat heute morgen im Ofen Feuer gemacht, und irgendwann kommen sie dann und sagen „Willst du nicht mal aufstehen, der Kaffee ist fertig“. Mittlerweile sind sie da top. Timo geht um viertel nach sieben mit meinem Freund aus dem Haus, wenn der da ist. Daniel um halb acht, Ich mache mich dann auch fertig und fahre zur Arbeit. Ich bin zwischen 12 und 13 Uhr fertig. Wenn die Kinder von der Schule nach Hause kommen, bin ich also immer schon da. Und dann essen wir bei meiner Mutter zu Mittag. Ich habe das Privileg, dass meine Mutter im selben Haus wohnt, und mittags für uns mitkocht. Das erleichtert mir vieles. Danach sind dann Hausaufgaben. Daniel hat drei mal die Woche Handball, bei gutem Wetter fährt er alleine mit dem Rad hin. Bei schlechtem Wetter mache ich Taxi und fahre ihn. Gestern zum Beispiel war schlechtes Wetter, da habe ich ihn gefahren: Um drei Uhr zum Handball, dann Timo zu einem Freund, dann war ich gerade wieder zu Hause und habe Daniel um halb fünf vom Handball wieder abgeholt. Dann bin ich mit Daniel zu einer Schautanzgruppe gefahren, die wollte er sich anschauen, und er wollte, dass ich dabei bin. Wir waren dann so um dreiviertel sieben wieder zu Hause. Dann sind die Kinder duschen gegangen, wir haben zu Abend gegessen, und dann war acht Uhr, und die Kinder sind ins Bett. Dann habe ich beiden noch was vorgelesen, es war halb neun, neun, bis ich fertig war. Es gibt aber auch Tage, die sind nicht so stressig. Manchmal gehen sie beide um drei zu Freunden und kommen um sechs wieder, da hat man dann schon mal Zeit. Aber was macht man meistens? Einkaufen gehen, Haushalt machen… Aber ich habe nach der Trennung auch angefangen, dabei lockerer zu sein. Heute habe ich zum Beispiel einfach die Bügelwäsche auf der Couch liegen lassen, ich habe nämlich ein gutes Buch gelesen. Das hätte ich früher nie gemacht. Ich bin so ein bißchen ein Perfektionist, ich kann nicht sehen, wenn etwas nicht gemacht ist. Das war früher ganz schlimm, was dich natürlich auch unter Druck setzt. Ich wollte in meiner Arbeit gut sein, eine gute Mutter sein, meinen Haushalt auf die Reihe kriegen, und dann war ich abends platt. Aber mittlerweile bin ich an dem Punkt angelangt, dass es auch Dinge gibt, die man nicht machen muss.
Machen die Kinder was im Haushalt?
Ja, sie haben Mülleimer und Getränkedienst. In einem Monat muss einer die Mülleimer rausbringen und der andere die Getränke aus dem Keller, und im nächsten Monat wechselt das. Das klappt mal mehr, mal weniger reibungslos. Sie helfen auch meinem Vater beim Holzmachen für den Kamin oder ich schicke sie mal ein Brot holen.